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Tiemo Hauer (Credit Green Elephant)

Tiemo Hauer – Vernunft, Vernunft.

Tiemo Hauer – die Vierte: Diesmal soll alles anders sein. Schon Monate vor der Veröffentlichung seines neuen Albums „Vernunft, Vernunft.“ sprach der Stuttgarter von seinem bis dato herausforderndsten, waghalsigsten und spannendsten Studioprojekt. Dabei hätte er es gar nicht so explizit betonen müssen, schließlich präsentierten sich bereits die drei Vorgänger alles andere als einer Richtung folgend.

Es dauert jedoch keine halbe Minute des Openers „Benzin“, da weiten sich selbst bei Kennern die Augen, und sie lauschen wie neugierige Erdmännchen, denen in der trockenen Savanne urplötzlich fremdartige Geräusche zu Ohren kommen. Mit seinen gluckernden Synthies und dem düsteren Beat erinnert der Einstieg an eine atmosphärische Symbiose aus Portishead und den Deftones.

Hauers durch den Effektwolf gedrehte Stimme singt von brennender Haut und Treibstoff im Kopf. Die Liebe wird in Moll getaucht. Dreieinhalb Minuten später wird sie gar gefeiert wie „Der Kleine Tod“. Viel Hall, ein schneller rockiger Beat und wie Blitze einschlagende Keyboardflächen lassen den Song im flackernden NDW-Licht erstrahlen.

Dazwischen geht es der Gesellschaft an den Kragen. Von rollenden Köpfen, geschmolzenen Pralinen und verfaulten Blumen ist die Rede, während im Hintergrund pulsierende Sonar-Sounds den Ton angeben. („Uns Hat Keiner Gefragt“).

Der Song „Funktionieren“ prangert das allgemeine Versagen an, und schält sich ähnlich dunkel und vernarbt durch die Boxen wie das einsame Kammerspiel namens „Kopfsteinpflaster“. Tiemo Hauer verbannt anno 2016 auch das letzte Quäntchen Mainstream aus seinem Universum.

Vermeintliche Radio-Perlen wie „Nostalgie“ und „In Melodien“ werden von jeglichem Zucker befreit. Statt massenkompatiblem Tralala drängen sich kratzige Gitarren und nachdenkliche Pianothemen in den Vordergrund.

Der Albumtitel ist eigentlich ein Witz. Vernünftig klingt hier nämlich gar nichts.  Und das ist auch gut so; denn noch mehr weichgespülte Singer/Songwriter-Kost, die dem Markt hierzulande nun schon seit Jahren die Luft zum Atmen raubt, braucht kein Mensch. Was die Branche hingegen braucht sind mehr Typen wie Tiemo Hauer; talentierte Persönlichkeiten, die sich einen feuchten Kehricht um Radio-Airplay und Charts-Einträge scheren. Selbstbewusste Kerle, die sich nicht leiten lassen und ihre eigenen Wege gehen und uns mit Musik versorgen, die sich fernab von jener präsentiert, die jeden Supermarkt-Einkauf und jede Aufzugsfahrt zu Folterausflügen für das Gehör werden lassen.

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