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Kapnorth (Credit Petite Machine Agency)

Kapnorth – Dematerealize – Schlafwandelnd zur Revolution

Emotionen kommen zu kurz, das Materielle obsiegt. Kapnorth formulieren die Kampfansage für die Kehrtwende. Unterschwellig, versteht sich. Die Schweizer tauschen auf ihrem zweiten Album die Märchenwelten der ersten Platte „Thunder Lightning Storm“ gegen die sanfte Revolte – ohne dabei ihre Mystik zu verlieren.

Ihre Version von griffigem, atmungsaktivem Art-Pop spielen sie hier noch ausgeklügelter, noch etwas mehr um die Ecke gedacht als auf dem gelungenen Debüt. Herrlich klackernde Rhythmen, gut getimte Fast-Ausbrüche der Gitarren, und eine Stimme zwischen Schlafwandel und Pathos, die in den tieferen Lagen an Dave Gahan erinnert, ohne dessen gebieterischen Anstrich zu kopieren.

Die Ambitionen im Zuge der Veröffentlichung von „Dematerealize“, das auf dem bandeigenen Label Petite Machine Agency erscheint, könnten größer kaum sein. Jedes der zehn Stücke soll ein Video spendiert bekommen, damit sie sich möglichst lange an der Oberfläche des Internets halten.

Verdient hätten es die Songs auf jeden Fall, die Band wurde in der öffentlichen Wahrnehmung bislang ohnehin sträflich vernachlässigt. Der Arbeitseifer des Quartetts steht aber im krassen Widerspruch zur Aura des Albums. Vielleicht heißt es deshalb im leicht postpunkigen Opener „Ghost Love“ „I can’t find no comfort“.

„Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen, so macht das Leben keinen Sinn“ wussten Blumfeld schon auf ihrem „Testament der Angst“. Diesem Kreislauf dem Mittelfinger zu zeigen, ist auch das erklärte Ziel im Kapnorth-Song „Pixies“, grandios untermalt durch den zugehörigen Clip (neben dem Video zu „Ghostly Love“, der zweite bereits veröffentlichte). „Let’s stay in bed forever and drive to fantasy lands“, heißt es darin, apathisch vorgetragen, Hobby: Somnambuler.

Dieses Album rüttelt sanft aber beständig am gott­ge­ge­benen Arbeitsalltag und findet dafür jederzeit den richtigen Ton: Feingeistig, anspruchsvoll und wohlgesonnen. Den unwirtlichen Zeitgeist aus Kapitalismus, Egomanie und Selbstverwirklichungspsychosen niederringen – mit teilnahmsloser Enthaltsamkeit. Das wär‘ was!

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