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Von Wegen Lisbeth (Credit Marian Lenhard)

Man kann sich da durchaus mehr trauen – Von Wegen Lisbeth im Interview

Mit humorvoller Alltagspoesie und einem Faible für ungewöhnliche Instrumente landeten Von Wegen Lisbeth im letzten Jahr einen kleinen Hit: In „Sushi“ sang die Berliner Indiepop-Band über Mitteilungsdrang in sozialen Medien – und fand mit ihrem Song ironischerweise gerade dort Verbreitung. Gut für das Quintett, das dank Touren mit AnnenMayKantereit und Element Of Crime auch außerhalb des virtuellen Raumes ein bisschen rumgekommen ist und nun mit „Grande“ endlich sein Debütalbum veröffentlicht. Darauf: 14 clever formulierte Lieder über Mädchen, Melancholie, gutes und schlechtes Bier. Wir sprachen mit Frontmann Matze (Matthias Rohde) über unnötig aufwendiges Coverartwork, Haltung im Pop und Musikerwunschzettel.

MusikBlog: Euer Album heißt „Grande“, ein Wort, das ihr auch gern als Adjektiv und Bezeichnung für alles mögliche verwendet. Wie kam es dazu?

Matze: Das ist so ein Wort, das bei uns im Freundeskreis mal so aufgekommen ist. Ich war mit Kommilitonen für ein Uniprojekt in Venedig und da gibt es ja den Canal Grande und irgendwann war alles nur noch „grande“, was wir gemacht haben. Wir haben eh die schlechte Angewohnheit, solche Worte viel zu oft zu benutzen – „nice“ ist gerade auch hoch im Kurs. Wir dachten uns dann: Was gibt’s besseres als einen Titel für ein Album, das eben auch einfach total grande ist?

MusikBlog: Mich hat das ein bisschen an Wanda erinnert, die ihr „Amore“ ja auch zu ihrem Schlachtruf erhoben haben…

Matze: Ja, das haben wir jetzt auch schon öfter gehört. Das haben wir natürlich gar nicht bedacht – so wie wir uns fast nichts so wirklich dabei gedacht haben.

MusikBlog: Ihr arbeitet also eher unbewusst an der Corporate Identity?

Matze: Genau. (lacht)

MusikBlog: Das Albumcover ist ja mit Abbildungen verschiedener Pflanzen recht botanisch ausgefallen. Was steckt dahinter?

Matze: Unser Gitarrist Doz macht neben der Musik auch viele Kunstprojekte und hat ein Faible für Collagen und diese alte Lexikonoptik. Wir haben ihm gesagt: Bitte mach unser Albumcover, du hast völlig freie Hand. Das kam dabei heraus. Von seiner Oma hatte er so ein uraltes Lexikon, aus dem er eigentlich eine Seite verwenden wollte. Dann wurde uns aber gesagt, dass wir das nicht nehmen dürfen wegen irgendwelcher Urheberrechte aus den Siebzigern. Deshalb hat Doz dann genau die gleichen Pflanzen bei irgendwelchen Pflanzenläden gekauft und versucht, die genau so abzufotografieren und das so aussehen zu lassen, als wäre das genau diese Seite aus diesem Lexikon. Ganz schön aufwendig dafür, dass man auch einfach die Seite hätte nehmen können. Aber wenn jemand unser Album kauft und dann genau diese Seite aus genau diesem Lexikon erkennt und uns dann verklagt – das wollen wir nicht riskieren.

MusikBlog: Ihr wart ja mit AnnenMayKantereit auf Tour, einer Band, die sich öfter den Vorwurf gefallen lassen muss, Musik für eine Generation zu machen, die eigentlich keine echten Probleme mehr hat. Findet ihr das fair?

Matze: Ich kenne den Vorwurf und ich weiß auch, was damit gemeint ist. Wenn Leute das scheiße finden, sollen sie das auch ruhig so sagen. Ich glaube nicht, dass sich AnnenMayKantereit davon beeinflussen lassen; die machen natürlich das, worauf sie Lust haben. Andererseits finde ich, dass man auch über andere Sachen singen darf als die, die einen angeblich in unserer Generation so bewegen. Aber das ist jedem selber überlassen. Solange es Leute irgendwie berührt, und das tut es ja auf jeden Fall, und das wirklich Themen sind, die Leute in unserem Alter bewegen, dann ist es doch megageil, wenn da jemand Musik drüber macht. Ich glaube aber trotzdem auch, dass es nicht schadet, mal wieder politische Musik zu machen oder mal wieder eine richtige Aussage zu treffen. Aber alle Leute, die Popmusik machen, schreiben Songs über die gleichen zwei bis drei Themen und das machen AnnenMayKantereit jetzt eben auch.

MusikBlog: Rein von den Songtexten und von euren eigenen Themen her seid ihr ja jetzt nicht weit voneinander entfernt. Kennt ihr diese Vorwürfe selbst auch?

Matze: Den Vorwurf haben wir uns zum Glück bisher noch nicht anhören müssen, aber dafür haben auch, glaube ich, einfach noch zu wenig Leute überhaupt eine Meinung zu unserer Musik. Was AnnenMayKantereit angeht: Wir dissen die natürlich auch immer gern mit Zitaten, die wir in Zeitungen finden. Ich glaube, dass viele deren Erfolg einfach nicht haben kommen sehen und da musste man sich als Schreiberling dann schnell entscheiden, ob man das gut findet oder nicht und musste dazu eine starke Meinung haben. Ich glaube, die sind einfach sehr schnell sehr populär geworden und haben deshalb diese teilweise harte Kritik einstecken müssen – ob die jetzt berechtigt ist oder nicht.

MusikBlog: Stellenweise kann man in euren Texten aber ja durchaus eine Art Positionierung, auch zu politischen Themen wie z.B. zur AfD in „Kneipe“, erkennen. Macht ihr das absichtlich oder passiert das einfach so?

Matze: Bewusst machen wir das auf keinen Fall; ich schreibe die Texte nicht, weil ich mich zu irgendwas positionieren möchte. Das sind eher Alltagsgespräche und -situationen, aus denen man dann mal Zeilen rausgreift. Ich glaube aber, dass Popmusik deswegen so ein Brei geworden ist, weil das fehlt: Dass man auch mal Sachen scheiße finden kann oder Sachverhalte einfach ein bisschen cleverer ausdrückt. Dann wird eben sofort gesungen: „Ich liebe dich und du bist eine total tolle und schöne Person.“ Das kann man doch auch mal in einem schönen Bild oder mit Humor verpacken! Ich brauche deshalb nicht unbedingt ein politisches Bekenntnis von Musikern, aber ich würde mir wünschen, dass sich mehr Leute trauen, auch in Popmusik ihren eigenen Stil zu haben und nicht immer nur Standards zu bedienen. Viele fühlen sich dazu vielleicht gezwungen, um Leute zu erreichen, aber ich glaube, man kann sich da durchaus mehr trauen.

MusikBlog: Ihr habt ursprünglich ja mal als Hardcore-Punkband angefangen. Wie kommt man da zu der Musik, die ihr jetzt macht?

Matze: Wie konnten wir nur so soft und scheiße werden! Ich glaube, damals hätte ich uns gehasst. (lacht) Wir haben eigentlich immer die Mucke gemacht, die wir auch selbst gehört und gefeiert haben. Punk war’s am Anfang vielleicht auch aus dem einzigen Grund, dass wir nichts anderes spielen konnten. Das war 2006, wir waren in der 7. Klasse und hießen damals noch Fluchtweg. Das ging dann irgendwann über in Ska, dann in 8-Bit-Gameboy-Casio-Musik…so hat sich das über die Jahre entwickelt. Es gab jedenfalls nie eine bewusste Entscheidung, jetzt andere Musik zu machen. Hat sich aber unterm Strich gelohnt, denn jetzt wollen endlich auch mal ein paar Leute zum Konzert kommen. Wir hatten schon so viele Konzerte wo mehr Leute auf der Bühne standen als davor.

MusikBlog: Heute ist euer Markenzeichen ja eher, dass ihr mehr Instrumente als Musiker auf der Bühne habt. Zählt ihr eigentlich noch mit, wie viel Kram ihr live benutzt?

Matze: Müssen wir, weil wir live den Technikern ja einen Tech-Rider geben müssen, auf dem steht, dass wir schon wieder viel zu viele Kanäle am Mischpult in Anspruch nehmen. Es sind auf jeden Fall einige. Wir versuchen, das live immer ein bisschen abzuspecken, aber im Studio ist es immer ein riesiger Haufen.

MusikBlog: Was ist das exotischste Instrument, das ihr bisher eingebaut habt?

Matze: Für „Milchschaum“ haben wir auf einer halbvollen Sterni-Flasche eingepfiffen. Dann haben wir noch das Omnichord, eine Art elektrische Harfe, die man zum Beispiel in „Drüben bei Penny“ hört und ein Kinderglockenspiel namens „Regenbogenachttästler“ – gibt’s im Spielzeughandel zu kaufen. Und wir haben mal einen Gameboysound aus der roten Pokémon-Edition gesamplet. Das war ein guter Sound!

MusikBlog: Habt ihr eine Liste mit Instrumenten, die ihr gern mal einsetzen würdet?

Matze: Auf jeden Fall haben wir eine lange Liste mit Instrumenten, die wir gerne haben würden – egal, ob wir sie dann einsetzen oder nicht: Alte Kinderspielzeug-Casio-Keyboards, die so richtig schön trashig klingen zum Beispiel. Die sind ziemlich teuer, da gibt es richtige Sammlerfreaks, die die horten. Ein Wurlitzer-Piano hätte ich außerdem gerne. Viele, viele schöne Gitarren. Und, und, und…

MusikBlog: Berlin spielt in euren Texten ja immer wieder eine Rolle. Würdet ihr euch als Lokalpatrioten bezeichnen?

Matze: Auf keinen Fall. Die Texte entstehen wie gesagt vor allem aus Alltagserlebnissen heraus und dadurch, dass wir in Berlin leben, kommt eben auch die Stadt oft in den Texten vor und ist daher natürlich ein wichtiges Thema. Aber diesen Berlinhype – „Boah, wir sind aus Berlin und alles andere ist whack“ – finde ich jetzt nicht so nice. Braucht man nicht.

MusikBlog: Ist der Hauptstadt-Hype dann eher ein Phänomen unter Zugezogenen?

Matze: Dieses ständige Herauskehren, was das jetzt für eine besondere Stadt ist: auf jeden Fall. Im Endeffekt ist es doch auch nur eine Stadt, in der wir zwar mega-gerne wohnen, und aus der wir auch erstmal nicht wegziehen wollen. Aber deshalb ist sie ja nicht der Mittelpunkt der Welt – höchstens sowas wie unser kleiner, persönlicher Mittelpunkt.

MusikBlog: Was macht Berlin aus Bandperspektive praktisch?

Matze: Es gibt sehr viele Läden, wo man potenziell spielen könnte, aber es gibt auch sehr viel Konkurrenz von anderen guten Bands. Das ist also Fluch und Segen. Was Studios und Produzenten angeht, ist Berlin aber natürlich super: Wir hatten die Möglichkeit, uns ganz lange mit ganz vielen Leuten zu treffen, mit denen wir gerne arbeiten wollten. Das sind Möglichkeiten, die man so sicherlich nicht in so vielen Städten hat.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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