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Teenage Fanclub (Credit PeMa)

Kein Künstler hat genug gute Songs für 10 Alben geschrieben – Teenage Fanclub im Interview

Überraschungen erwartet wohl niemand mehr von Teenage Fanclub. Dafür aber alle fünf Jahre ein unaufgeregtes Album mit mildem Gitarrenpop. Auch das zehnte Album der Schotten folgt dabei der bewährten Formel: 3×4=12. Vier Songs schrieben Gitarrist Norman Blake, Gitarrist Raymond McGinley und Bassist Gerard Love jeweils für „Here“, um auch im 27. Bandjahr mit Songs wie „I’m In Love“ oder „Live In The Moment“ sanfte Ohrwürmer zu erschaffen, die sich tagelang im Ohr der Hörer einnisten. Wir sprachen mit Norman Blake über die Langlebigkeit seiner Band, die Aufnahmen in Frankreich, Schottland und Deutschland sowie den vieldeutigen Albumtitel.

MusikBlog: Eure letzten Alben erschienen mit einem Abstand von fünf bis sechs Jahren. Woran merkt ihr, dass es Zeit für ein neues Album ist?

Norman Blake: Zunächst müssen wir alle Lust darauf haben, ein neues Album aufzunehmen. Nachdem wir die Tour zu unserem letzten Album beendet hatten, nahmen wir uns zunächst eine Auszeit, trafen uns aber immer mal wieder. Bei einem dieser Treffen – vor ungefähr drei Jahren – hat dann jemand vorgeschlagen, dass wir ein weiteres Album aufnehmen sollten. Jeder von uns hatte neue Songs geschrieben und deshalb fühlten wir uns bereit.

Es stimmt, dass die Pausen zwischen unseren Alben immer größer werden, aber so ist das einfach. So funktionieren wir. Hätten wir bei dem letzten Album oder jetzt bei „Here“ das Gefühl gehabt, dass wir nicht mehr genug gute Ideen für ein Album zusammenkriegen, hätten wir auch keines veröffentlicht. Aber tatsächlich waren wir nach den Aufnahmen zu diesem Album sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Und es gab zum Glück bisher noch nie ein Album, mit dem wir anschließend nicht zufrieden waren.

Wenn wir das nächste Mal ins Studio gehen – falls es denn ein nächstes Mal geben wird – und wir fühlen uns mit dem Material nicht wohl, dann bedeutet das wohl das Ende der Band. Keiner von uns könnte sich vorstellen, jahrelang mit dem alten Material zu touren, ohne neue Songs hinzuzufügen. Das wäre deprimierend. Uns geht es darum, Alben zu veröffentlichen, wir sind schließlich nicht The Eagles. Wir hassen uns nicht gegenseitig oder kommunizieren nur über unsere Anwälte und Manager und gehen nur noch gemeinsam auf Tour, weil es sich finanziell lohnt. (lacht)

MusikBlog: Macht ihr euch Sorgen, dass euch irgendwann die Ideen ausgehen?

Norman Blake: „Here“ ist unser zehntes Album, das heißt, wir haben bereits ungefähr 120 Songs geschrieben. Das ist eine ganze Menge. Zum Glück haben wir aber nicht nur einen Songwriter, sondern haben immer zu dritt Songs geschrieben. Wer weiß, ob wir sonst so lange durchgehalten hätten.

MusikBlog: Darin liegt also das Geheimnis, weshalb Teenage Fanclub so lange durchgehalten haben?

Norman Blake: Ich glaube schon. Der Druck lastet nicht auf einer Person alleine. Es gibt kaum einen Künstler, der in seiner Karriere genug Songs für zehn Alben geschrieben hat, ohne dass darunter die Qualität der Musik gelitten hat. Weil jeder von uns jedoch nur vier Songs pro Album schreiben muss, mussten wir nicht ständig nach neuen Inspirationen suchen und konnten dennoch ein gewisses Maß an Qualität halten.

MusikBlog: Schreibt ihr einfach drauf los oder sprecht ihr euch vor jedem Album ab, wie die Songs dieses Mal klingen sollen?

Norman Blake: Nein, wir sprechen uns nicht vorher ab. Aber natürlich spielen wir uns gegenseitig unsere Ideen oder Songfragmente vor. Meistens haben die Songs zu diesem Zeitpunkt noch keinen Text, es sind eher Ideen für Melodien. Nachdem Raymond, Gerard und ich reihum unsere Ideen präsentiert haben, beginnen wir diese als Band zu proben. Wobei der Songwriter des jeweiligen Stückes als der Produzent fungiert, also die Arrangements und die Struktur bestimmt. Aber natürlich können auch die übrigen Bandmitglieder Vorschläge machen und sich einbringen. Wir schreiben unsere Songtexte aber gewöhnlich erst, wenn wir im Studio sind. Das ist wohl auch eher ungewöhnlich, gehört aber zu unserer Routine.

MusikBlog: Ist das der Grund, warum die zwölf neuen Stücke ähnliche Themen haben, obwohl sie von drei verschiedenen Songwritern stammen?

Norman Blake: Das ist möglich. Wenn wir den Gesang aufnehmen, dann nimmt einer von uns seinen ersten Song auf, während die anderen ihre Lyrics schreiben. Das gibt den Alben wohl eine gewisse Kohärenz, weil der erste Songtext zumindest unbewusst auch die anderen Songwriter beeinflusst. Aber natürlich schreiben wir auch über ähnliche Themen, weil wir ungefähr dasselbe Alter haben, viel zusammen erlebt haben und uns deshalb an ähnlichen Punkten in unserem Leben befinden.

MusikBlog: Ihr habt das Album an drei sehr unterschiedlichen Orten geschrieben und aufgenommen – in der französischen Provence, in Glasgow und in Hamburg. Warum ausgerechnet diese Orte?

Norman Blake: Es ist immer aufregend und inspirierend, wenn man in einem Studio aufnimmt, das man zuvor noch nicht besucht hat. Wir stießen durch Zufall auf dieses wunderschöne Studio in Frankreich, das nicht nur an einem idyllischen Ort liegt, sondern auch fantastisch ausgestattet ist. Wir haben dort den größten Teil der Aufnahmen gemacht, fast alle Backing-Tracks dort eingespielt. Dann haben wir uns eine Auszeit genommen und uns drei oder vier Monate später in Raymonds Haus in Glasgow getroffen, um den Gesang aufzunehmen. Als dann alle Aufnahmen im Kasten waren, haben wir erneut nach einem inspirierenden Ort gesucht, um das Album zu mischen. Unsere Wahl fiel auf Hamburg, weil uns das Equipment der Clouds Hill-Studios gefiel und wir in Hamburg einige Freunde haben.

MusikBlog: Glaubst du, dass diese Orte die Atmosphäre der Songs beeinflusst haben?

Norman Blake: Auf jeden Fall! Es ist zwar schwierig zu beschreiben, wie diese äußeren Einflüsse sich genau auf den kreativen Prozess auswirken, aber natürlich beeinflusst der Ort, an dem du singst, deine Stimmung und damit eben auch die Art, wie du singst. Das mag ein subtiler Einfluss sein, der schwierig nachzuweisen ist. Aber er existiert.

MusikBlog: Musikalisch knüpft „Here“ nahtlos an die letzten Werke an. Gab es etwas Grundlegendes, das ihr dieses Mal anders machen wolltet?

Norman Blake: Der Sound von Teenage Fanclub hat sich nie groß verändert, es gab keine dramatischen Brüche und Stilwechsel zwischen zwei Alben. Das liegt zum Teil daran, dass es uns immer wichtig war, ein kohärentes Album aufzunehmen. Das wird wiederum schwer, wenn jeder von uns beim Songwriting plötzlich völlig neue Wege einschlägt. Dennoch gibt es natürlich immer Kleinigkeiten, die wir anders machen wollen – im Hinblick auf die Gesangsharmonien, Arrangements oder Songstrukturen. Aber dramatische Veränderungen wird es bei uns wohl nie geben. Wobei wir vor 13 Jahren ein Album mit Jad Fair aufgenommen haben, bei dem wir komplett improvisierten. Das war tatsächlich ein radikaler Bruch in unserer Diskographie.

MusikBlog: Wenn man doch nach Veränderungen im Vergleich zu eurem letzten Album „Shadows“ sucht, dann sind Songs wie „Steady State“ oder „I Have Nothing More To Say“ deutlich ruhiger und auch langsamer als die Vorgänger.

Norman Blake: Stimmt. Das Album beginnt wie ein klassisches Album von Teenage Fanclub, nimmt dann aber ein paar überraschende Nebenwege. Ich denke auch, dass das Tempo an einigen Stellen für unsere Verhältnisse ziemlich gemächlich ist, aber es gibt auch immer wieder Momente, an denen das Album Fahrt aufnimmt.

MusikBlog: Mit „Here“ habt ihr einen sehr schlichten Albumtitel gewählt, der aber gerade in Kombination mit der idyllischen Landschaft auf dem Cover viele Assoziationen weckt. Habt ihr dabei an einen bestimmten Ort gedacht?

Norman Blake: Das Gemälde stammt aus einer Reihe von Bildern, die meine Frau in einem Second-Hand-Laden entdeckt hat. Vermutlich wurden diese Bilder von einem Hobbykünstler gemalt, wir konnten das leider nicht herausfinden. Sie hat diesen Ausschnitt an die drei Bandmitglieder geschickt, zusammen mit dem Titel „Here“, weil dieses Wort für sie die Musik und das Bild zusammenfasst. Uns gefiel die Idee, auch weil das Album an so verschiedenen Orten aufgenommen wurde. Es gibt viele Arten, wie man den Titel interpretieren kann und vermutlich hat jeder in der Band andere Assoziationen dazu. Aber als meine Frau uns Cover und Titel präsentierte, gefiel uns die Verbindung auf Anhieb.

MusikBlog: Der Titel passt außerdem zur Botschaft, die der Song „Live In The Moment“ bereits im Titel verkündet.

Norman Blake: Exakt. Die meisten unserer Songs handeln davon, wer wir sind, wie wir sind und eben auch, an welchem Punkt im Leben wir uns gerade befinden. So kann man den Titel dann auch lesen: Hier sind wir! So sind wir!

MusikBlog: Wisst ihr, ob der Künstler einen real existierenden Ort abgemalt hat?

Norman Blake: Die Bildreihe soll vermutlich kanadische Naturlandschaften darstellen, wobei ich nicht glaube, dass der Künstler konkrete Orte als Vorlage verwendet hat. Es handelt sich also wahrscheinlich um fiktive Orte, die von der kanadischen Natur inspiriert wurden.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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