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Sleaford Mods (Credit Roger Sargent)

Das kann nicht deren Ernst sein – Sleaford Mods im Interview

Seit mittlerweile zehn Jahren gehen Jason Williamson und Andrew Fearn alias Sleaford Mods in regelmäßigen Abständen auf die Barrikaden. Den beiden aus Nottingham stammenden Post-Punk-Elektro-Rap-Minimalisten stinkt es nämlich ganz gewaltig. Soziale Ungerechtigkeiten, Korruption auf höchster Ebene und das alltägliche Hauen und Stechen auf Englands Straßen: Es gibt so vieles, über das sich die beiden Musiker tagtäglich aufregen. Mit ihrer Musik wollen sie zum Nachdenken anregen. Auch auf ihrem neuen Album „English Tapas“ geht es derbe zur Sache. Im Zuge der Promo für das neue Studiowerk der Briten trafen wir Sänger Jason Williamson in Berlin zum Interview und plauderten über dicke Milliardäre, Donald Trump und große Arenen.

MusikBlog: Jason, als Liebhaber der spanischen Küche gehören natürlich auch Tapas zu meinen Leibspeisen. „English Tapas“ hatte ich allerdings noch nie auf dem Tisch. Habe ich da etwas verpasst?

Jason Williamson: Nicht wirklich. (lacht) Um ehrlich zu sein: Es gibt gar keine englischen Tapas. Der Titel unseres neuen Albums bezieht sich eher auf die Tatsache, dass man in England stets versucht, aus importierter Schönheit etwas Eigenes zu kreieren. Das geht aber meist schief. In England scheißt man auf die Kulturen anderer Länder. Man nimmt sich irgendwas Fremdes und klebt einen UK-Button drauf. So läuft das. Uns kotzt das an.

MusikBlog: In puncto Musik sieht’s aber doch anders aus, oder? Ich meine, von zehn deutschen Newcomerbands wollen mindestens acht am Ende möglichst britisch klingen.

Jason Williamson: Ich weiß nicht. Ist das so? Aber was heißt denn „britisch klingen“? Im Grunde geht es doch immer nur um den Sound der Beatles, oder?

MusikBlog: Meistens.

Jason Williamson: Ok, wenn man sich an den Beatles orientiert, dann ist das in Ordnung. Musik ist aber nicht alles. Wir beschäftigen uns eher mit der britischen Ignoranz außerhalb der Kunst. Und da tritt man an jeder Ecke in dicke, stinkende Haufen.

MusikBlog: Im Videoclip zur neuen Single „B.H.S“ geht es um die zwielichtigen Machenschaften des Milliardärs Philip Green. Euer Feindbild Nummer eins?

Jason Williamson: Nein, nur ein dunkler Fleck von vielen. Der Kerl war im Besitz der größten britischen Kaufhaus-Kette. Als es in Richtung Insolvenz ging, verhökerte er alles für ein Pfund. Tausende Leute standen plötzlich auf der Straße. Aber der dicke Philip kassierte eine ordentliche Dividende und segelte mit seiner Luxus-Yacht um die Welt.

MusikBlog: Wen habt ihr noch auf dem Kieker?

Jason Williamson: Alles und jeden. (lacht)

MusikBlog: Geht der Blick auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus?

Jason Williamson: Das können wir uns in England eigentlich gar nicht leisten. Aber ich weiß natürlich, was du meinst. In anderen Ländern brennt es gerade auch lichterloh.

MusikBlog: In Amerika sitzt ein gewisser Donald Trump im Weißen Haus.

Jason Williamson: Ja, davon habe ich auch gehört. Unglaublich, oder? Ich hoffe ja immer noch, dass sich das Ganze demnächst noch als ein übler Scherz herausstellt. Ich meine, das kann doch nicht deren Ernst sein. Wie kann nach Barack Obama Donald Trump kommen? Das muss ein Scherz sein.

MusikBlog: Ich höre nur niemanden lachen.

Jason Williamson: Ich auch nicht. Aber es muss so sein. Wo soll das sonst hinführen?

MusikBlog: In England schwingt Theresa May das Zepter. Wird das was?

Jason Williamson: Ich bin mir nicht sicher. Sie hat noch nicht viel verändert. Ich finde das sehr bedenklich, denn aufgrund der vielen Kürzungen im sozialen Bereich, die in den vergangenen Jahren beschlossen wurden, sitzen wir mittlerweile auf einem Pulverfass, das zu explodieren droht. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird es richtig knallen. Da bin ich mir ziemlich sicher.

MusikBlog: Sleaford Mods halten mit Musik dagegen. Registriert ihr eine Gegenhaltung bei den Leuten, die zu euren Konzerten kommen?

Jason Williamson: Auf jeden Fall. Wir führen vor und nach unseren Shows immer viele Gespräche mit den Fans. Man merkt, dass alle genauso angepisst sind wie wir. Das ist schon mal ein Anfang. Aber es braucht natürlich viel mehr, um wirklich etwas zu verändern. Leider spielen wir nicht in den großen Hallen und Stadien. Dort könnten wir noch viel mehr bewegen.

MusikBlog: Die Sleaford Mods in der Wembley Arena? Klingt spannend.

Jason Williamson: Dazu wird es aber wohl nie kommen.

MusikBlog: Ja, wohl eher unwahrscheinlich. Traurig?

Jason Williamson: Ich persönlich brauche keine Wembley Arena. Ich brauche nicht einmal einen 3.000er Club, um mich mit dem, was ich mache, wohl zu fühlen. Ich komme aus Nottingham und pinkele jedem ans Bein, der die grundlegenden Eckpfeiler des gehaltvollen Miteinanderlebens mit Füßen tritt. Das ist meine Aufgabe. Das ist unsere Aufgabe. Und dieser Aufgabe stellen wir uns mit Sleaford Mods in den dunkelsten Ecken des Landes. Dort findet man definitiv Gehör. Auch, wenn es vielleicht nicht viel bewirkt. Aber es ist ein Anfang.

MusikBlog: Weitermachen!

Jason Williamson: Darauf kannst du dich verlassen. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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