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Phoenix (Credit Emma Le Doyen)

Das klingt seltsam. Aber so war es – Phoenix im Interview

Vier Jahre nach ihrem letzten Studiostreich „Bankrupt“ melden sich die französischen Indie-Popper Phoenix endlich mit einem Album zurück. „Ti Amo“ fungiert dabei als emotionaler Wegweiser ins Licht. Während vor den Türen mehr denn je Hass und Gewalt gesät wird, öffnen die Phoenix-Verantwortlichen ihre Arme und begegnen der Außenwelt mit grenzenloser Liebe. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums trafen wir uns mit Gitarrist Christian Mazzalai zum Interview und sprachen über dunkle Zeiten, waghalsige Live-Manöver und den perfekten Musiker-Moment.

MusikBlog: Christian, euer neues Album „Ti Amo“ kommt mit unerwartet lockeren und farbenfrohen Vibes um die Ecke. Dabei entstand das Album in einer sehr dunklen Phoenix-Phase. Wie passt das zusammen?

Christian Mazzalai: Das ist eine gute Frage. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich dir darauf gar keine genaue Antwort geben. Wir haben die letzten drei Jahre unseres Lebens diesem Album gewidmet. Und während dieser Zeit sind furchtbare Dinge um uns herum passiert. Ich saß beispielsweise während des Terrorangriffs im Bataclan in Paris im Studio und konnte nicht mehr raus. Alles war abgesperrt und keiner wusste, was so richtig los war.

In so einer Situation macht man sich viele Gedanken, die natürlich auch auf die Arbeit abfärben. Aber irgendwie fand das Dunkle keinen richtigen Zugang. Im Gegenteil. Die Songs und die Stimmung des gesamten Albums wurden von ganz vielen positiven Gefühlen begleitet. Das klingt seltsam. Aber so war es. So richtig erklären kann ich mir das heute noch nicht. Aber ich bin froh, dass es sich so entwickelt hat.

MusikBlog: Das letzte Album wurde noch sehr komplex arrangiert. Es gibt auf „Bankrupt“ auch heute noch Passagen zu entdecken, die einem vor zwei oder drei Jahren noch gar nicht aufgefallen sind. „Ti Amo“ hingegen beeindruckt vor allem mit einer stilistischen Einfachheit. Die Songs sind sehr simpel gestrickt. Hat sich das auch einfach so entwickelt?

Christian Mazzalai: Ja und Nein. Wir wollten diesmal schon etwas anders zu Werke gehen. Wir wollten die Ideen und Strukturen einfach so nehmen und verarbeiten. Es sollte nicht groß rumgetüftelt werden. Das war schon irgendwie in unseren Köpfen drin. Aber, dass es dann solche Ausmaße annimmt, hätten wir nicht gedacht.

MusikBlog: Vor einigen Tagen habt ihr erstmals drei neue Songs in Belgien live vorgestellt. Wie waren die Reaktionen?

Christian Mazzalai: Oh, die Leute haben die neuen Songs sehr gut aufgenommen. Das ist zumindest meine Erinnerung. (lacht) Im Ernst: Wir waren natürlich total aufgeregt. Neue Songs live vorzustellen ist immer auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Zum einen hat man noch keine Erfahrung mit dem neuen Material. Man hofft also, dass man sich nicht verspielt, dass die Stimmung aus dem Studio auch auf der Bühne funktioniert und dass sich die neuen Songs auch mit den älteren Sachen „vertragen“.

Auf der anderen Seite spielt natürlich auch das Publikum eine große Rolle. Man hat keine Ahnung, wie die Leute reagieren werden. Das kann selbst eine gestandene Band ganz schön aus dem Konzept bringen. Glücklicherweise hat aber alles wunderbar geklappt. Die Songs passten wunderbar ins Set, wir haben uns nicht verspielt, und die Leute hatten ihren Spaß. Mehr kann man nicht erwarten.

MusikBlog: Ihr seid bekannt als eine Band, die sich während der Aufnahmeprozesse stets völlig isoliert. Auf Tour geht es dann plötzlich über Nacht in die weite Welt hinaus. Wie geht ihr mit dieser Achterbahnfahrt der Emotionen um?

Christian Mazzalai: Das ist manchmal gar nicht so einfach. Aber man sucht sich die Arbeitsweisen nicht aus. Man geht einfach den Weg, der für einen bestimmt ist. In unserem Fall ist es natürlich immer von Vorteil, wenn die Pausen zwischen Tourneen und Studioaufnahmen so kurz wie möglich gehalten werden. Diesmal war es etwas anders. Wir hatten eine lange Live-Pause hinter uns. Und die vergangenen drei Jahre haben wir natürlich nicht jeden Tag im Studio verbracht. Man saß also manchmal ein bisschen zwischen den Stühlen.

MusikBlog: Stimmt es eigentlich, dass ihr lieber an neuem Material tüftelt, als auf der Bühne zu stehen?

Christian Mazzalai: Das kommt immer drauf an. Wenn sich die Studiozeit lange hinzieht und man irgendwann nicht mehr zwischen verschiedenen Soundmodellen unterscheiden kann, weil die Ohren völlig zu sind, dann ist man froh, wenn man endlich mal wieder vor die Tür kommt. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass das Ausarbeiten von neuen Impulsen und Ideen an erster Stelle steht. Es ist praktisch der Geburtsvorgang. Das, was draus entsteht und später dann in die Welt getragen wird, ist ein Bonus, den wir natürlich sehr gerne mitnehmen, keine Frage.

Uns ist es natürlich wichtig, wie die Leute da draußen auf die neuen Ergebnisse reagieren. Aber für mich als passionierten Musiker gibt es nichts Schöneres, als den Moment, wenn ein Song während des Kreierens zum Leben erweckt wird. Diese evolutionäre Phase, die manchmal nur Minuten dauert, ist unbezahlbar. Wenn dann Monate später auch noch irgendwo in der Ferne wildfremde Menschen applaudieren, dann ist das der perfekte Nachtisch.

MusikBlog: Klingt nach einem sättigenden „Menü“.

Christian Mazzalai: Oh ja. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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