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Meine Songs sind Gespräche mit mir selbst – Fenne Lily im Interview

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Weil es in der Grafschaft Dorset in Südwest-England sonst nicht viel zu tun gibt, lernte Fenne Lily mit 15 Jahren Gitarre spielen. Noch im gleichen Jahr schrieb sie die Folkballade „Top To Toe“ über den manchmal schmerzhaften Wandel vom Kind zur Erwachsenen. Ein Coming-Of-Age-Film in dreieinhalb Minuten, mit dem die Sängerin und Gitarristin offensichtlich einen Nerv getroffen hat, denn bis heute wurde der Song alleine auf Spotify mehr als 20 Millionen Mal gestreamt.

Seit 2016 hat die 21-Jährige, die mittlerweile in Bristol lebt, sechs Singles veröffentlicht, nun folgt ihr Debütalbum „On Hold“. Die elf Songs des Albums zeichnet dieselbe Fragilität und Intimität aus, die man schon von „Top To Toe“ kennt, auch wenn nun ab und zu eine sanft aufspielende Band den Gesang begleiten darf. Im Gespräch erzählte uns Fenne Lily, warum ihr Debütalbum trotz allem eine optimistische Seite hat, wieso sie bis heute nur etwas 20 Songs geschrieben hat und weshalb sie ihre Zeilen lieber flüstert als schreit.

MusikBlog: Den ersten Song „Top To Toe“, den du vor zwei Jahren veröffentlicht hast, hast du bereits mit 15 Jahren geschrieben. Stammen noch mehr Songs deines Debütalbums aus dieser Zeit?

Fenne Lily: „More Than You Know“ stammt ebenfalls aus dieser Zeit, das ist sogar wirklich der zweite Song, den ich jemals geschrieben habe. Mit 16 und 17 Jahren habe ich dann allerdings kaum Songs geschrieben, deshalb gibt es eine kleine zeitliche Lücke auf dem Album. Den größten Teil schrieb ich zwischen 18 und 20, die zwei Songs „Top To Toe“ und „More Than You Know“ mit 15.

MusikBlog: Mit 15 Jahren habe ich selbst gerade erst begonnen, mich intensiv mit Musik zu beschäftigen. Wer waren damals deine musikalischen Vorbilder?

Fenne Lily: Ich habe damals auch noch nicht so viel Musik gehört. Das fing erst später an, als ich mit 16 Jahren in einem Plattenladen jobbte. Deshalb war damals die Musiksammlung meiner Mutter ein großer Einfluss, vor allem The Velvet Underground & Nico. Wenig später waren es Kurt Vile und Elliott Smith, die mich faszinierten. Aber ich habe damals noch nicht aktiv nach neuer Musik gesucht, habe mir nicht den NME gekauft oder viel Radio gehört. Ich hörte, was bereits im Haus war – also die Musik meiner Eltern.

MusikBlog: Du sagst von dir selbst, dass du eine langsame Songwriterin bist und bis heute höchstens 20 Songs geschrieben hast, obwohl du schon so früh damit begonnen hast. Woran liegt das?

Fenne Lily: Ich schreibe Songs, um damit aufzutreten. Deshalb vollende ich keinen Song, wenn ich nicht überzeugt davon bin, dass er gut genug ist, um ihn live zu spielen. Außerdem schreibe ich nur über Dinge, die mir wichtig sind. Doch dafür muss ich über diese Dinge erst nachdenken, sie verarbeiten, bevor ich einen Song daraus machen kann. Deshalb schreibe ich nicht nur langsam, sondern der ganze Prozess zieht mich auch richtig runter. In depressiven Phasen schreibe ich am meisten, weil ich dann viel über Dinge nachdenke. Diese Phasen, in denen ich etwas Wichtiges finde, über das ich schreiben möchte, sind selten. Deshalb muss ich sie stets ausnutzen.

MusikBlog: Also fallen dir die Texte schwerer als die Musik dazu?

Fenne Lily: Nein. Da ich keine begnadete Gitarristin bin, fällt es mir häufig schwer, neue Akkordfolgen zu finden. Dennoch würde ich nicht sagen, dass mir die Musik schwerer fällt als die Texte, weil ich beides gar nicht getrennt voneinander betrachten kann. Manchmal erzeugt eine bestimmte Zeile sofort eine Melodie in meinem Kopf, manchmal inspiriert mich eine Melodie zu einer bestimmten Wortfolge.

MusikBlog: Insgesamt hast du fünf Jahre an den Songs von „On Hold“ geschrieben. Hast du Sorge davor, dass dein langsames Songwriting bei deinem nächsten Album zum Problem werden könnte?

Fenne Lily: Darüber versuche ich nicht nachzudenken, um mich nicht unter Druck zu setzen. Allerdings empfinde ich es als eine kathartische Handlung, einen Song zu schreiben, weil ich dabei mehr über mich und meine Gefühle erfahre. Deshalb mache ich mir keine Sorgen darüber, dass mir die Themen ausgehen könnten, weil ich immer Sachen erlebe und fühle, die ich in Songs verarbeiten kann. Sorgen bereiten mir mit Blick auf mein nächstes Album eher der Sound, die Instrumentation und der Stil. Denn ich möchte mich musikalisch nicht wiederholen, möchte nicht mehrere Alben im gleichen Stil veröffentlichen. Andererseits verändert sich mein Musikgeschmack so schnell, dass sich dies vielleicht von selbst ergibt. Während der Arbeit an „On Hold“ habe ich viele Balladen, zum Beispiel von Lana Del Rey, gehört. Momentan interessiere ich mich dagegen eher für amerikanische Gitarrenbands, für Emo-Rock. Ich habe aber keine Angst vor der Arbeit am zweiten Album, habe sogar bereits damit begonnen.

MusikBlog: Du sagst, dass du in deinen Songs Erlebnisse und deine damit verbundenen Gefühle verarbeitest. Sind diese Songs eine Art von Therapie für dich?

Fenne Lily: Definitiv. Ich erlebe immer wieder Phasen, in denen ich mit niemandem reden will, mich stattdessen in meinem Kopf abschotte und endlos über Dinge nachdenke. Meine Songs sind dann sozusagen ein Gespräch mit mir selbst, weil ich mit niemandem sonst darüber reden möchte. Schließlich muss ich mir erst klar darüber werden, wie ich über eine Sache denke und sie empfinde, bevor ich mich mit anderen darüber austauschen kann. Zum Beispiel handeln viele Songs auf „On Hold“ von einer Trennung. Ich wollte aber sehr lange nicht mit Freunden darüber reden, weil die versuchen würden, mich zu trösten und aufzubauen. Ich wollte aber nicht getröstet werden, ich wollte mich nicht besser fühlen. Ich wollte genau das empfinden, was ich in dieser Zeit empfunden habe.

MusikBlog: Heißt das, dass alle deine Songs auf persönlichen Erfahrungen basieren?

Fenne Lily: Bisher tun sie das. Allerdings habe ich in den letzten Monaten einige Nonfiction-Bücher über fernöstliche Philosophie und ähnliche Themen gelesen und überlege nun, wie ich solche Einflüsse stärker in meine Songs einfließen lassen kann. Ich möchte in Zukunft meine Fühler weiter ausstrecken und weniger in mich hinein hören. Dass „On Hold“ so introspektiv geraten ist, liegt aber sicher auch daran, dass ich die Songs in meinen Teenager-Jahren geschrieben habe. Es klingt wie ein Klischee, aber in den Jahren zwischen 15 und 21 verändert man sich sehr, wird erwachsen, und das verändert auch deine Sicht auf die Welt. Das spiegelt sich nun in den Songs wider. Dennoch reizt es mich, in Zukunft auch über Bücher, Filme oder andere Menschen zu schreiben.

MusikBlog: Songwriting als Therapie bedeutet aber auch, dass du vor allem über negative Erfahrungen schreibst.

Fenne Lily: Überhaupt nicht. Der Titelsong des Albums handelt von einem Freund, den ich kurz nach der Trennung, von der viele Songs auf „On Hold“ handeln, kennen gelernt habe. Ich wollte das Album unbedingt nach diesem Song benennen, weil die darin beschriebene Begegnung für mich das Ende einer Periode bedeutet, in der ich mich nur traurig und verzweifelt gefühlt habe. Dann habe ich diese Person getroffen, die nun mein bester Freund ist, und realisiert dass es okay ist, traurig zu sein. Weil es wieder vorbeigeht. Ich könnte nie Songs über meine Trauer aufnehmen und veröffentlichen, wenn ich nicht wüsste, dass dies nur ein vorübergehendes Gefühl ist und dass ich mich wieder besser fühlen werde.

MusikBlog: Auf „On Hold“ gibt es Songs, bei denen du von einer ganzen Band begleitet wirst, und andere, bei denen du dich nur mit deiner Gitarre begleitest. Fällt es dir schwer zu entscheiden, ob ein Song ein größeres Arrangement oder einen intimen Sound benötigt?

Fenne Lily: Das war vermutlich die Frage, mit der ich während der Aufnahmen zu „On Hold“ am stärksten gekämpft habe. Da ich alle Songs mit meiner Gitarre schreibe, ist ein Song für mich fertig, sobald ich den Text und die Gitarrenbegleitung ausgearbeitet habe. Als ich dann noch weitere Musiker involviert habe, fiel es mir sehr schwer, zu entscheiden, ob ein Song noch weitere Instrumente benötigt und wann es zu viel wird. Denn ich wollte die Songs auf keinen Fall mit zu vielen Sounds ersticken. Es gab zum Beispiel einen Song auf „On Hold“, den wir mit Band aufgenommen haben, bei dem ich aber irgendwann eingesehen habe, dass er in der ursprünglichen Akustikversion besser funktioniert. Besonders schwierig war es bei den Songs, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe, weil ich sie schon so lange in ihrer rohen Akustikversion kenne, dass jedes weitere Instrument seltsam und ungewohnt klingt. Deshalb hat der Aufnahmeprozess so lange gedauert.

MusikBlog: Wie lange denn genau?

Fenne Lily: Das ist schwierig zu sagen, weil ich einige Songs ja bereits vorab aufgenommen und als Singles veröffentlicht habe. Anschließend bin ich auf die Isle of Wight gereist und habe dort in mehreren Wochen ein paar Songs aufgenommen. Der Rest des Albums entstand, als ich mit Produzent John Parish zusammengearbeitet habe. Wahrscheinlich hätte ich das ganze Album in zwei Wochen aufnehmen können, aber insgesamt hat es fast drei Jahre gedauert – natürlich mit vielen größeren und kleineren Unterbrechungen. Einerseits war es großartig, so viel Zeit zu haben, um die Songs genau zu erkunden. Andererseits birgt das stets die Gefahr, sich in Details zu verlieren. Oder dass man Songs nur deshalb verändert, weil man sich an ihnen satt gehört hat.

MusikBlog: Aber auch die Songs auf „On Hold“, die mit Band aufgenommen wurden, brechen nie wirklich aus, klingen nie laut, extrovertiert oder gar wütend.

Fenne Lily: Das wird sich aber mit dem nächsten Album ändern, zumindest ist das ein Aspekt, auf den ich mich in Zukunft stärker konzentrieren möchte. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich auf dem nächsten Album meine Texte ins Mikrophon brüllen werde. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass deine Message nicht deshalb gehört wird, weil du sie schreist – ganz im Gegenteil. Die wirklich wichtigen Dinge werden häufig nur geflüstert und viele eindrückliche Songs würden ihre mitreißende Wirkung verlieren, würde man ihre Lyrics plötzlich schreien. Dennoch sollte die Musik Wut oder andere aggressive Gefühle auch widerspiegeln, wenn die Texte davon handeln. Die Songs von „On Hold“ habe ich allerdings in einer Zeit geschrieben, als ich nicht wütend, sondern ängstlich war.

MusikBlog: Zum Schluss noch eine Frage zum Artwork: in der Fotografie auf dem Cover klammerst du dich an ein Treppengeländer. Wer oder was versucht denn da, dich aus dem Bild zu zerren?

Fenne Lily: Das Foto entstand, als ein Freund, der Musiker Willie J Healey, mich besuchte, um mit mir ein paar Songs aufzunehmen. Er brachte seine Kamera mit und wir alberten ein wenig im Haus herum. Er knipste das Foto, als ich gerade das Treppengeländer herunter rutschte. Es zieht mich also niemand aus dem Bild, sondern ich verlasse freiwillig die Situation. Deshalb passt es für mich perfekt zu den Songs auf „On Hold“, weil das Album davon handelt, dass ich eine schmerzhafte Erfahrung, nämlich die Trennung, hinter mir lasse und mich von meiner kindlichen Naivität, mit der ich menschliche Beziehungen angegangen bin, verabschiede.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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