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The Orielles (Credit Friedrich Kühne/MusikBlog)
The Orielles (Credit Friedrich Kühne/MusikBlog)
The Orielles (Credit Friedrich Kühne/MusikBlog)

The Orielles – Live im Molotow, Hamburg

Etwas Besonderes ist der Samstagabend, an dem The Orielles in der Molotow Skybar in Hamburg auftreten, schon so, ganz ohne Musik. Nach gefühlten Jahren, in denen sich die Zwiebel vom beliebten Gemüse mit Nachgeschmack zum Kleidungstrend entwickelt hat, scheint die Sonne in der Großstadt an der Elbe wieder.

Jacken werden abgeworfen oder einfach zu Hause gelassen, gekühltes Bier kann wieder zum Abkühlen an Wangen gehalten werden, in Hamburg laufen wieder Menschen statt Berge aus Thermo-Kleidung durch die Stadt. Grund genug, bei sommerlicher Musik der Jahreszeit entgegenzufiebern, die sich selbstbewusst auch den widrigsten Gegenden Deutschlands zu nähern scheint.

The Orielles, das sind die zwei Schwestern Sidonie und Esmé Hand-Halford und ihr guter Freund Henry Wade, überzeugten Anfang dieses Jahres mit ihrem Debüt-Album „Silver Dollar Moment“ Fans gediegenen Indie-Rocks à la Pixies ebenso wie diejenigen, die sich auf der Welle junger, unabhängiger Rock-Musik durch die Genres tragen lassen und dabei weder vor Superorganism noch Rex Orange County Halt machen und bieten genau das, sommerliche Musik.

So findet sich an diesem Abend eine nicht klar definierbare Gruppe an Zuschauern im Molotow ein, die den kleinen Club zwar nicht ganz ausfüllt, aber jedenfalls bis nach ganz vorn drängt, als die drei jungen Briten die Bühne betreten. Ohne Vorband beginnen The Orielles ihr Set mit „Snaps“.

Klobige Turnschuhe, ein grünes Reebok-Shirt und eine Bob-Frisur stehen sinnbildlich für den Sound einer Band, die Musik aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart transportiert und sie zu ihrem eigenen Werk macht.

Wie gute Freunde an einem urbanen Strand geben sich die leicht hallende und extrem entspannt klingende Stimme von Hand-Halford und die verzerrte Gitarre Wades alle unangestrengte Mühe der Welt, Musik zum Zurücklehnen zu machen.

Dass im gleichen Moment, und durch die großen Fenster der Molotow Skybar zu beobachten, langsam die späte Abenddämmerung der nächtlichen Dunkelheit die Pforten öffnet, verstärkt die Atmosphäre eines Tages, der verbracht wurde und jetzt endet, nur noch.

Gut, nächtliche Dunkelheit ist auf der Reeperbahn in Hamburg relativ, aber das können die Orielles ja nicht wissen. Die sind nämlich, was ihr Gitarrist, welcher einem sehr jungen Pete Doherty sowohl optisch als auch in seiner sympathisch ironischen Art sehr ähnelt, in einem kleinen Zwiegespräch mit einem Hamburger Fan verlauten lässt, zum ersten Mal in Hamburg.

Musikalisch setzt die junge Band live aber nicht nur auf Altbekanntes und die frühlingshafte Atmosphäre, sondern immer wieder auch überraschende Akzente. Ob es Bongos sind, die von Sidonie Hand-Halford neben ihr Drumset gestellt werden und einen beinahe afrikanischen Rhythmus angeben, oder eine Trillerpfeife, die um den Hals von Sängerin und Bassistin Esmé Hand-Halford hängt und in diversen jamartigen Ausuferungen der zwölf Songs immer wieder ein euphorisierendes Trillern von sich gibt, es wird nicht langweilig.

Sogar das eine Album der Band bietet mit Slowjam „Liminal Spaces“ und der kompletten Eskalation in „Blue Suitcase (Disco Wrist)“ genug Abwechslung, jedenfalls einen frühen Abend zu füllen.

Irritierend, und zumindest das stetige Wippen der Besucher etwas unterbrechend, sind die vielen Rhythmuswechsel und Pausen, mit denen die Orielles in ihren Songs spielen. Was immer wieder für intime Blickkontakte zwischen den Bandmitgliedern und zu einigen grinsenden Gesichtern führt, bedarf einer kurzen Eingewöhnungsphase, die wegen des kurzen Sets vielleicht etwas zu lang ausfällt.

Den Abend abschließen darf ein Paradebeispiel für diese unvorhersehbare Dynamik im Sound der Band. „Sugar Tastes Like Salt“, eine separat veröffentlichte Single, erstreckt sich über acht Minuten und durchläuft dabei mehrfach die Transformation vom Shoegazer zum Disco-Hit.

Wippen, nicken, hüpfen, rennen, stehen, auch ohne Zugabe hinterlässt der Abend den Eindruck, da würde noch was kommen. The Orielles sollte man auf gar keinen Fall abschreiben. Da kommt noch was auf uns zu, und die Zeit könnte kaum besser passen.

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