The Milk Carton Kids – All The Things I Did And All The Things That I Didn’t Do

Der Begriff „harm money“ bezieht sich auf die Praktik, etwas eigentlich Harmonisches so sehr auszuschlachten, u.a. um daraus monetäre Vorteile zu ziehen, sodass es anfängt weh zu tun.

Okay, das war gelogen. Aber wenn es diesen Begriff in der Form gäbe, wäre er perfekt geeignet um eine Kritik zu „All The Things That I Did And All The Things That I Didn’t Do“ einzuleiten. Denn Kenneth Pattengale und Joey Ryan – The Mik Carton Kids – tun mit ihrem Indie-Americana-Folk genau das.

Wobei: Es wäre vielleicht falsch, ausgerechnet den beiden Kaliforniern, die ihre ersten beiden Alben noch kostenlos veröffentlicht haben, Kommerzialisierung vorzuwerfen. Aber sie überstrapazieren ihre eigentliche Stärke – einfühlsame Melodien, intime Harmonien und ganz viel offenherzige Verletzlichkeit – so stark, dass man am Ende nur noch angestrengt abwinken kann.

Zu Zeiten des von ihnen akustisch zelebrierten Wilden Westens wären die Milk Carton Kids entweder von Pistoleros ob ihrer anachronistisch-wirkenden Sensibilität rüde über den Haufen geballert worden oder sie hätten ihnen am Lagerfeuer unter zunehmendem Tränenfluss gebeichtet, wie sehr sie das ganze Schießen, Kautabak kauen und Töten tatsächlich mitnimmt.

Dass sie ja schließlich auch nur Menschen seien, die sich nach körperlicher Wärme, einem morgendlichen Abschiedskuss der Geliebten, die Zuhause auf sie wartet, während sie ihre Pferde durch die Prärie scheuchen, und sie am Ende des Tages mit warmen Bohnen und kalter Milch empfängt, sehnen.

Gefühle stehen also im Vordergrund. Die großen und die kleinen. Wie in „A Sea Of Roses“, einem sehr konkreten Song über den Tod. So konkret, dass der Vorwurf der Effekthascherei darüber schwebt. Oder in „I‘ve Been Loving You“, der beinahe unerträglich kitschig und gleichzeitig sogar leicht träge daherkommt.

So tendiert der vornehmlich zweistimmiger Gesang der Milk Carton Kids zu oft in Richtung Country für Trucker, die beim Sonnenuntergang auf der Motorhaube ihres LKWs sitzend auch mal eine Träne vergießen, als zu dem spannungsvollen Western-Folk des vermutlichen Vorbilds Marty Robbins, der 1959 mit „Gunfighter Ballads And Trail Song“ die Wild-West-Mythen vom Kinosaal auf Vinyl transportiert hat oder den Singer-Songwriter-Balladen der offensichtlichen Vorbilder von Simon & Garfunkel – der Blaupause für Duos wie die Milk Carton Kids.

Heraus kommt dabei dann hochdramatischer Baroque-Pop („Blindness“) in reduzierter Form und weniger Folk-, als viel mehr Volksmusik – dank überkandidelter Hyperstilisierung irgendwann seicht werdender Emotionen.

„One More For The Road“ trabt bspw. so ausgemergelt und kraftlos den Highway entlang, dass man sich gar nicht mehr zu fragen traut, wohin die Reise eigentlich geht.

„This World Can Be So Cold“, ja, sorry. Aber wer ernsthaft über Zeilen wie „Light turns to dark and my tears turn to ice“ versucht aufrichtige Regungen zu generieren, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn niemand weint, aber jeder gähnt.

Dabei ist das Album durchaus eine stringente Weiterentwicklung ihrer vorherigen Werke. Sie müssen die Songs nicht mehr nur mit ihren zwei Akustikgitarren tragen, sondern bekommen perkussive Unterstützung, werden von Streichern begleitet und können etwas Verantwortung an die Mundharmonika abgeben.

Das funktioniert ganz punktuell und wer nur einzelne Songs zu hören bekommt, kann sich auch ungeniert an der Schönheit, die auch mal durchbricht, erfreuen.

Wer „All The Things That I Did And All The Things That I Didn’t Do“ aber in seiner Gänze hört, zerbricht unter der Last der – mal mit Schwung, mal erschreckend müde – auf einen geschleuderten Emotionen. Und fängt an zu gähnen. Oder zu weinen, wenn auch aus den falschen Gründen.

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