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Parquet Courts (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
Parquet Courts (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
Parquet Courts (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)

Parquet Courts – Live im Festsaal Kreuzberg, Berlin

Unerträgliche Hitze. Nicht nur auf der Wiese vor dem Festsaal Kreuzberg schwitzen die Menschen trotz kurzer Hose und kaltem Bier. Beim Versuch, über den gewohnten Weg in das Innere des Clubs zu kommen, stößt der verwirrte Besucher auf einen Türsteher. Ein freundlicher Hinweis, dass dort an diesem Abend ein Abiball stattfindet. Ups, naja. Dann nimmt man halt den anderen Weg, um dahin zu gelangen, wo an diesem Abend die Parquet Courts aus New York auftreten sollen. Man kommt an.

Drinnen angelangt, schlagen einem mit ähnlicher Intensität Sound- und Hitzewand entegegen. Die Luft könnte man schneiden, als Die Tunnel ihren wabernden Post-Punk darbieten, sich sichtlich daran erfreuen, dass schon einige Leute Zuflucht im Schatten der Location gesucht haben.

Die Abstände zwischen den einzelnen Besuchern sind groß, der Wille, Körperkontakt zu vermeiden noch größer als der, ohne Umsicht zu tanzen. Als die Band aus Berlin mit ihrem Set – aufwärmen ist hier nicht nötig – fertig ist, bewegen sich die Massen ziellos durch den Raum, mal an die Bar und mal an die Tür, in der Hoffnung, dort doch etwas Kälte zu finden. Zur Not halt Kühlung bei Transpiration. Bleibt nur zu hoffen, dass man bei stetem Umherlaufen die eigene Begleitung nicht aus den Augen verliert.

Irgendwann – im Morast aus schwitzenden Menschen, tropfenden Bieren und stehender Luft folgt die Zeit ziemlich offensichtlich anderen Regeln – betreten dann die Parquet Courts die Bühne. Unbeeindruckt von der Hitze und eigentlich von allem geht es mit „Total Football“ los. Die Dämme brechen.

Größtenteils männliche, sehr knochige Menschen mit kurzen Hosen und langen Armen fangen an, im Takt (?) herumzuspringen. Körperkontakt ist jetzt, sofern man in einer der ersten 26 Reihen steht, unvermeidbar, ein paar blaue Flecken ebenso. Bassist Sean Yeaton ist der einzige, der die Szenerie vor der Bühne in seinem Auftreten spiegelt und seine Haare hin- und herwirft. Ob Spucke oder Schweiß, er tropft.

Die drei „Frontmänner“ Andrew Savage, Sean Yeaton und Austin Brown interagieren an diesem Abend kaum. Weder mit dem Publikum noch untereinander scheint es Gesprächsbedarf zu geben. Was dann kommt, beschränkt sich auf deutsches Kauderwelsch („zwei Vogel zwei“) und das Bestellen von Getränken („Ein Club Mate“). Jeder existiert in der eigenen Blase.

Savage bewegt sich zwischen seinen Gesangseinlagen wie ein Terrier, der etwas zu lang angekettet vorm Supermarkt warten musste, und sich jetzt freiheitsbeschwörend austoben darf. Brown tut das, was schmächtige Leute nun mal machen. Er wedelt mit den Armen und geht in die Knie. Niemand kann es ihm zum Vorwurf machen, große Leute werden’s verstehen. Beim Titelsong ihres neuesten Albums „Wide Awake“ trillert er.

Und Yeaton? Yeaton wirkt manchmal sogar glücklich. Diese gierige Glücklichkeit, die man in den Augen erlöster Teenager sieht, die doch noch 10 Minuten mehr am geliebten Nintendo 64 verbringen dürfen. Überhaupt wirken die Parquet Courts eher wie ein ironisches Projekt ungleicher Kunststudenten, die irgendwie Musik und irgendwie Literatur machen wollten, aber auf beides keinen Bock hatten.

„Before The Water Gets Too High“ „Normalization“ und „One Man No City“ kanalisieren dann den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist. Die emotionsarme Inszenierung lässt allerdings keinen rebellischen Unterton zu, eher einen zynischen, der jedenfalls im Publikum als destruktiver Rundumschlag verstanden und umgesetzt wird.

Fette Gitarrensoli sucht man im reduzierten Sound der US-Amerikaner vergeblich, gelegentliches Gejamme mit verzerrtem Gesicht und dröhnendem Bass gibt es dagegen zur Genüge. Man weiß nicht genau, was man eigentlich sucht und erwartet, wenn man das Quartett auf einer Live-Show besucht, man weiß nachher genau so wenig, was man bekommen hat.

Parquet Courts sind dazu verflucht, entweder kompromisslos zu begeistern oder in ihrer unbegeisterten Art zu entgeistern. An diesem Abend überwiegt ersteres. Nach „Light Up Gold“ und einem Abend voll inszenierter Revolutionen im Mikrokosmos stapfen verschwitzte Menschen nach draußen. Geändert? Hat sich nichts. Immer noch genau so heiß.

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