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Barbara Morgenstern – Unschuld und Verwüstung

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„Der Schrei“ – ganz offen: Du brauchst kein geisteswissenschaftliches Studium, um ihre Abgründe in der panischen Abstraktion von Edvard Munchs Angst-antizipierender Grimasse nachskizziert zu wissen. Du wirst ohnehin mit jedem Schritt daran erinnert, den du aus der Tür wagst. Und sei es bloß auf dem nächsten Bahnhofsklo, wo das Bild aller Voraussicht nach nachgebildet sein wird.

So eng verwoben die alltagsroutinierte Furcht und die weitflächige Unabsehbarkeit dieses Terrors in vielen Artefakten des Expressionismus widergespiegelt ist, so präzise collagiert Barbara Morgenstern auf ihrem zehnten, bis hierher mit Abstand gelungensten Album, diese Themen – und hebt dabei den essentiellen Kern hervor:

Angst entsteht durch Vermeidung. Und was wir nicht alles vermeiden! Die Themen auf „Unschuld und Verwüstung“ stolpern von narzisstischer Eigenkuratierung über die Frustration unseren digitalen Geltungsverlangens bis hin zu neoliberaler Selbstverwirklichungstristesse und angstnegierender Empathieverdrossenheit.

Man könnte – despektierlich gesprochen – behaupten, dass die gebürtige Hagenerin hier eine auditive Selbsthilfebroschüre für die Überwindung unausweichlicher midlife-Krisen entwirft. Das aber würde der wertschätzungswürdigen Intimität, die Barbara Morgenstern hier offenbart, in etwa genau so fern liegen wie die Lösungen unserer Zeitprobleme.

In „Triggerpunkt“ heißt es „Es lohnt, wenn man träumt“ und tatsächlich hat man bereits in diesem Moment erkannt, dass hier kein Pathos ins Feld geführt wird. „Unschuld und Verwüstung“ ist insbesondere eines: Wahrhaftig, weil verwundbar.

In der Anti-Akzeptanz-Schmiede Staatsakt haben schon Labelkollegen wie Isolation Berlin zeigen dürfen, in welchem Ausmaß aus aufrichtiger Abscheu eine geradezu schwindelerregende Magie emporsteigen kann.

Musikalisch bewegt sich die Wahlberlinerin dabei zwischen weitflächigen Organellen und Pianotupfern, zwischen sonoren Synth-Applikationen und orchestral arrangierten Kammerelementen, zwischen polyrhythmischen Bit-Modulen und dissonanten Störgewittern.

Das alles ist rau, unverblümt, schreckenseinflößend, aber auch malerisch – „Der Schrei“ ist hier unweigerlich zu hören, allegorisiert in Text und Schall.

Harfen-ähnliche Picks im „Brainfuck“ flüchten vor tieffrequenten Drones, Breakbeats liefern Verschnaufpausen und über allem: Morgensterns mystisch-anmutende Storytelling-Stimme, deren (sehn-)süchtige Melancholie Track um Track in den Halbtonlagen ihrer präzise gestreuten Digital-Elemente abgelagert werden.

Dass kleine Techno-Exkurse wie „Hands Dance“ obendrein das Pathologische touchieren und mit einem Blätterteig-Arrangement aus MPC-Klicks, pulsierender Bassdrum und zu Ton gewordenem Kammerflimmern einen immer schneller werdenden Herzrhythmus als Signum unserer fortschrittsbesessenen Gesellschaft verstehen wollen, ist mithin ein Geniestreich.

Die schimmernde und zugleich melodieverliebten Bestandsaufnahmen sind dankenswerterweise allesamt sparsam, krachen sie doch gerade wegen dieser Unmittelbarkeit direkt in den Hippocampus.

„Unschuld und Verwüstung“ ist deshalb vor allem eines: ein experimentelles Popalbum, das keinen Zweifel an seinen autarken DIY-Wurzeln lässt.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, reiht man Barbara Morgenstern mit diesem Album in die Riege letzter verbliebener Deutungshoheiten im deutschsprachigen Musikgeschäft ein: Max Gruber, Max Rieger, Stella Sommer. Man stelle sich nur eine Supergroup dieser Musiker*innen vor!

Zwischen altbewährten Electronica-Kompetenzen, Pop, Pop, Pop und Avantgarde, kleckerweise kosmischen Einsprengeln und dem, was man hier gut und gerne als Indietronica labeln darf, durchlebt Morgenstern als Protagonistin ihrer phonetischen Prosa vieles auf einmal:

Die Reinkarnation einer Christa Päffgen zum Beispiel, das Vereinsamen inmitten cineastischer Unheilskulissen und, wie etwa in „Karriereleiter“, die klangsynthetische Schnittstelle zwischen deutschen Exportmarken à la Moderat und Kraftwerk.

Dabei beheimatet ihre rauschhafte Downbeat-Electronica mal einen Märchenwald, mal ein dystopisches Skyline-Panorama und manchmal einfach nur halbluzide Bewusstseinsströme.

Ob „Unschuld und Verwüstung“ ein hypnotisierendes oder ein aufrüttelndes Album geworden ist – mit letzter Sicherheit ist das einfach nicht zu sagen:

„Das Glück liegt nur im Jetzt und Hier / Und der Wind weht weiter / Das Land liegt groß und weit vor uns / Und der Weg wird breiter / Ihn zu finden ist die Kunst“.

Grundsätzlich ist auf „Unschuld und Verwüstung“ allzu offensichtlich, dass Gegensätze Sinn stiften: resonantes Bass-Gewummer im Schatten infantil tänzelnder Klavieranschläge in „Live Fast, Die Young!“ unterwandern Lyrics, die mit ihrem Alles-nicht-so-schlimm-Mantra einen doch überraschend ernst gemeinten Gegenentwurf zu diesem Kühlschrank-phrasierten Titel liefern.

Was früher Sex, drugs und Rock ’n’ Roll waren, sind heute eben Sex, Angst und Kontrollverlust. Morgensterns Verdruss ist dabei keinesfalls langweilend. Man hört hier eine augenzwinkernde Ironie – selbst wenn sie zittert, fleht und wimmert.

Dieses unbestreitbar als Meisterstück gültige Opus ist ein Nicht-Ort in der Vorstellung einer gefühlsvernachlässigten Gesellschaft. Eine Utopie, über die wir alle mit derselben Bewunderung fabulieren können wie über Edvard Munchs Pinselstriche.

Und selbst wenn Morgenstern dabei die Pose der kühlen Unberührtheit vorlebt, ist ihr die Angst zu jedem Zeitpunkt anzumerken.

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