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Neneh Cherry – Broken Politics

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Als Neneh Cherry 2014 nach 18 Jahren wieder solo ins Studio stolperte, sah sich die Fangemeinschaft, zwischenzeitlich in loyaler Treue verharrend, verzückt, wenn nicht gar in verzückte Erregungszustände versetzt. „Blank Project“ schloss nämlich an die Quintessenz ihres geschmeidigen Sound-Sammelbeckens aus Trip Hop, Jazz-Einflüssen und ausgefeilter Downtempo-Partitur an.

War da aber trotzdem nicht etwas, das man vorher so noch nicht herausgehört hatte? Der Sound der Schwedin, die bereits mit 15 dem heimischen Nest entsagte, um sich vom Londoner Punk-Underground sozialisieren zu lassen, wurde – und plötzlich wird alles klar – von Kieran Hebden produziert.

Das Projekt hinterließ letztlich so viel Kreativpotential zwischen den Reglern, als dass dem Four-Tet-Mastermind für „Broken Politics“ gar keine Wahl blieb, sich noch einmal hinters Mischpult zu hocken.

Das Resultat: Mit „Broken Politics“ gelingt ein detailverliebter und akribisch produzierter Soundtrack über politische Unzufriedenheit, Kolonialismus und Flüchtlingsthemen („Kong“), Waffengewalt („Shot Gun Shack“) und feministisches Aufbegehren („Faster Than The Truth“).

Musikalisch hat die mittlerweile 54-jährige Cherry dabei nichts von ihrer Innovationsfreude eingebüßt: Auf dem neuen Album bandeln Ingredienzien aus Afro-Rhythmik diktierendem Ethno-Pop („Slow Release“), Jazz-infiltrierten Saxo-Fade-Outs („Natural Skin Deep“) und eine vielschichtige, wenngleich jederzeit übersichtliche Instrumental-Entourage miteinander an.

Hebden, nicht erst seit gestern bekannt für berechnende Widersprüche, findet auch in Cherrys unvergnüglichem Bestandsreport die perfekte Balance zwischen organischer Konvention und synthetischer Weitflächigkeit. So teilen sich Mirambas mit Synthesizern, Harfen mit Drumcomputern und Percussions mit gezielt gestreuten Störgeräuschen sowie Field-Recordings das soundtechnische Spektrum.

Wo sich stilverbündete Acts wie Morcheeba zuletzt noch im Sog uninspirierter Produktionsparadigmen verirrten, bleibt sich Neneh Cherry im Entscheidenden treu: Sie weiß, dass sie ihre Musik nicht verkaufen muss, um damit glücklich zu werden.

Das gestattet gerade einem experimentierfreudigen Electronica-Crack wie Hebden auf „Broken Politics“ genügend Freiraum, um politkritische Momentaufnahmen aufs Schafott zu führen:

Wer denkt, der scheinheilige Sprech leerer Versprechen ließe sich durch den Wohlklang sanftmütiger Pianoschläge allegorisieren, der bemerkt bei genauerem Hinhören auch die sich dahinter verbergenden Glitches sozialgesellschaftlicher Krisen („Synchronised Devotion“). Cherrys Stimme, der sich mitunter eine mütterliche Urstärke attestieren lässt, kann hier in aller Sicherheit walten.

Weltmusikalische Anklänge samt synkopischer Spannungserzeugung gibt’s im Spoken-Word-Stück „Deep Vein Thrombosis“, während sich zielstrebig voranschreitende Drums und kosmische Sci-Fi-Tupfer in „Faster Than The Truth“ die Waage halten.

Neneh Cherry wollte nach eigener Aussage wieder ein Album aufnehmen, um nochmal ihr Bewusstsein gegenüber intoleranter, chauvinistischer und xenophobischer Schattenseiten zu schärfen. Gelungen sind ihr und Hebden so viel mehr als das!

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