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Ein gewisser Druck ist gesund – Noah Kahan im Interview

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Noah Kahan hat bislang nicht mal ein komplettes Album veröffentlicht und verkauft mit seinem folkigen Singer/Songwriter-Pop trotzdem schon Venues auf der ganzen Welt aus. Als Support durfte der US-Amerikaner schon mit Milky Chance oder Ben Folds die Bühne teilen. Seine Single „Hurt Somebody“ wurde nicht nur über 70 Millionen Mal gestreamt, sondern bescherte dem jungen US-Amerikaner bereits Doppel-Platin in Australien. In einem Gespräch über das Tourleben, falsche Ästhetik in der Musik, tanzwütige Deutsche und Heimatverbundenheit zeigt sich der 21-Jährige äußerst humorvoll und selbstironisch.

MusikBlog: Noah, du spielst diese Woche die ersten Shows in Deutschland. Spielst du generell lieber größere Shows oder kleinere Shows?

Noah Kahan: Das kommt darauf an. Kleinere Shows haben etwas Besonderes, weil sie intimer sind. Aber bei größeren Shows – zum Beispiel bei Festival-Gigs – verlässt man etwas mehr seine Komfortzone und weitet seine kleine Nussschale aus, indem man größere Produktionen fährt, was immer ein Riesenspaß ist. Aber gerade im Moment spiele ich glaube ich lieber kleinere Gigs, weil ich einfach so dankbar bin, dass Leute auf der ganzen Welt zu den Konzerten kommen, um mich zu sehen. Diese Erfahrung lässt mich wirklich schätzen, was ich bisher erreicht habe.

MusikBlog: Du hast schon für große Acts wie Ben Folgs oder Milky Chance eröffnet. Ist es schwer, das Publikum für dich zu gewinnen?

Noah Kahan: Generell ist Support für andere zu spielen eine super Erfahrung. Man hat die Chance, mit Leuten auf der Bühne zu stehen, die man schon seit Langem bewundert. Aber klar, manchmal ist es schwierig, die Leute zu begeistern, weil sie eben nicht wegen dir gekommen sind und es sie vielleicht einen Scheiß interessiert, wer da gerade spielt. Aber eigentlich glaube ich, dass Leute guter Musik gerne eine Chance geben. Wenn ich also einen schlechten Abend habe, können sie gerne weghören. (lacht)

MusikBlog: Würdest du sagen, dass es regionale Unterschiede gibt?

Noah Kahan: Auf jeden Fall. Teilweise unterscheidet sich das sogar von Stadt zu Stadt. Gerade in Europa, wo die Distanzen so kurz sind und man innerhalb kurzer Zeit in verschiedenen Ländern spielt, sieht man da Unterschiede. Manchmal wollen die Leute eher nur zuhören und sind ganz ruhig und anderswo sind sie lauter und energetischer. Aber bevor man auf der Bühne steht, weiß man das natürlich nie, was immer der spannende Teil ist. Ich möchte jetzt kein Land mit einem Label abstempeln, aber Shows in Deutschland zum Beispiel machen immer super viel Spaß, weil die Leute zu meinem Set tanzen, was ich total witzig finde.

MusikBlog: Wirklich? Deutschland ist eigentlich nicht gerade für seine Tanzwut bekannt.

Noah Kahan: Ja, ich hätte auch nicht damit gerechnet. Normalerweise wird bei meinen Konzerten nicht getanzt, sondern eher geheult oder der längst vergangenen Liebe nachgetrauert. Deswegen finde ich es total abgefahren, wenn die Leute in Deutschland tanzen. Obwohl ich noch nicht herausgefunden habe, was es für ein Tanz ist. Aber die Leute tanzen, als sei die gottverdammte Apokalypse im Anmarsch.

MusikBlog: Hast du eine besondere Tour-Routine? Irgendwelche komischen Angewohnheiten?

Noah Kahan: Ja, schon. Eine Sache ist, dass ich meine Stimme immer viel länger aufwärme, als ich eigentlich müsste. Ich verbringe den ganzen Tag damit. Zwischen Soundcheck und Konzert muss ich außerdem unbedingt in Ruhe gelassen werden und allein sein. Ansonsten esse ich irgendwie ziemlich wenig. Gar nicht, weil ich so aufgeregt bin, sondern weil sich das so eingebürgert hat. Und dann eben so Klassiker, wie heimlich von der Bühne aus beobachten, ob sich die Venue fühlt und so psychotische Sachen.

MusikBlog: Bislang hast du nur EPs oder Singles veröffentlicht, diese Woche erst „False Confidence„. Arbeitest du gerade an einem Album?

Noah Kahan: Ja. Die Platte wird im Frühling rauskommen und im Januar gibt es schon die erste Single daraus zu hören. Wir sind alle ganz schön aufgeregt und haben viel Arbeit rein gesteckt. Wenn es jetzt also nicht total erfolgreich wird, werde ich für immer mit der Musik aufhören. Also hoffe ich, dass die Leute es mögen. (lacht)

MusikBlog: Deine Singles waren alle sehr erfolgreich und haben bei Spotify teilweise über 70 Millionen Klicks. Fühltest du dich beim Schreiben deines Albums unter Druck?

Noah Kahan: Ehrlich gesagt, nicht mehr als normalerweise auch. Ich setze mich immer selbst unter Druck, um das Bestmögliche aus meinem Sound herauszuholen. Deswegen finde ich einen gewissen Druck sogar gesund, weil man so das Bestmögliche erzielt. Ich setze meine eigenen Maßstäbe sehr hoch, und deswegen arbeite ich immer so lange und intensiv, bis ich ihnen auch gerecht werde.

MusikBlog: Bislang bist du vor allem durch Streaming-Portale erfolgreich gewesen. Glaubst du überhaupt noch an das physische Format Album?

Noah Kahan: Gott, wenn ich einer dieser Menschen wäre, die denken, dass Alben der Vergangenheit angehören, dann: „Fuck me!“. Ich finde alle Leute, die sagen, dass Streaming cooler ist als Alben sind verrückt. Ich finde Alben großartig, sie haben so eine lange Geschichte und existieren schon so viel länger als Streaming. Ich wäre wirklich traurig, wenn ich ein Album nur auf Spotify rausbringen würde. So hilfreich und dankbar ich diesem Format auch bin. Ich will Vinyl und was zum Anfassen.

MusikBlog: Du bist in einem kleinen Dorf in New England aufgewachsen. Hast du es geliebt oder gehasst?

Noah Kahan: Ich habe es absolut geliebt und seitdem ich weg bin, liebe ich es noch mehr. Ich bereise die Welt und sehe diese riesigen Städte und treffe so viele Menschen. Aber dann an diesen kleinen, isolierten Ort zurückzukommen, ist wirklich ein Segen. Ich denke wenn man aufwächst, hasst jeder früher oder später mal seinen Heimatort, aber mittlerweile komme ich einfach total gerne zurück nach Hause.

MusikBlog: Denkst du, dass du ein anderer Mensch geworden wärst, wenn du in einer Großstadt aufgewachsen wärst?

Noah Kahan: Das ist eine coole Frage. Ich glaube, schlussendlich wäre ich dieselbe Person geworden, aber ich glaube, es gäbe definitiv Unterschiede in meiner Sichtweise der Welt. Ich denke, meine Musik wäre anders, aufgrund der Möglichkeit der verschiedenen Einflüsse in einer Großstadt. Ich verarbeite meine Reiseerfahrungen in meiner Musik und meine Erfahrungen verändern mich auf jeden Fall. Wäre ich also in einer Großstadt aufgewachsen, würde mein Sound definitiv anders klingen, aber vielleicht wäre ich nicht zwingend eine andere Person.

MusikBlog: Du hast deinen ersten Song als Achtjähriger geschrieben. Erinnerst du dich noch, worum es ging?

Noah Kahan: Ja, schon als kleines Kind schrieb ich diese tieftraurigen, depressiven Lieder. Ich schrieb einen Song der hieß: „Wednesdays Are The Worst Days Of My Life“. Ich habe ihn bei einer Talentshow in der Schule gespielt und erinnere mich, dass manche Leute regelrecht geschockt waren. Danach wurde mir erstmal ein Termin bei unserem Schulpsychologen verordnet, weil alle dachten, mit mir stimme etwas nicht. Eigentlich hat sich meine Musik seitdem nicht viel verändert. Aber immerhin habe ich mittlerweile mit den Mittwochen meinen Frieden geschlossen.

MusikBlog: In deinem Wikipedia-Artikel steht, dass deine zwei Karriereziele waren, einen Wikipedia-Eintrag zu haben und bei Instagram verifiziert zu werden. Also jetzt Rente?

Noah Kahan: Ja! Ich habe schon beides erreicht und trotzdem muss ich weiter Musik machen! Voll der Mist. Ich dachte, ich könnte nach dem blauen Häkchen endlich in den Ruhestand gehen, aber jetzt treiben sie mich immer noch an und sagen ich muss Musik machen! (lacht)

MusikBlog: In deiner neuen Single „False Confidence“ thematisierst du, dass du eine Zeit lang dachtest, du müsstest ein bestimmtes Künstlerideal erfüllen. Wie sah dieses Ideal aus?

Noah Kahan: Es gibt in der Musikszene einfach diese Ästhetik einer Marke, mit denen Leute dich bewerben und vermarken wollen. Es geht so viel darum, wie man sich benimmt und wie man aussieht und ich habe versucht, da mitzumachen. Ich habe bemerkt, wie mir meine eigene Identität verloren geht. Dabei habe ich meine Musik und die Musik, die mich inspiriert immer als sehr authentisch empfunden.

Als ich mich so viel damit beschäftigt habe, so auszusehen und mich so zu benehmen, wie die Leute das von mir erwarten, habe ich diese Authentizität verloren und das war wirklich gruselig. Deswegen habe ich einen Song darüber geschrieben, denn so verarbeite ich Dinge, die mich beschäftigen. Ich meine, ich muss immer noch Dinge tun und eine Ästhetik entwerfen, die ich nicht unbedingt mag, aber ich denke, das ist einfach Teil der Show. Deswegen schreibe ich eben Songs darüber, um den Leuten klar zu machen, dass der „echte“ Noah in meiner Musik zu finden ist.

MusikBlog.: Vielen Dank für das Interview.

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