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Wir sind ja keine Misanthropen – Die Goldenen Zitronen im Interview

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Die Goldenen Zitronen veröffentlichen diese Woche ihr mittlerweile 13. Album „More Than A Feeling“ und zeigen, dass sie nicht nur eine Hamburger Institution, sondern auch nach wie vor mit ihren gesellschaftspolitischen Beiträgen relevant sind. Wir trafen uns mit den urgesteinigen Gründungsmitgliedern Ted Gaier und Schorsch Kamerun zu einem ernsten Interview über Anti-Musik, lustvolle Dystopien und frische Haltungen.

MusikBlog: Thomas, Ted – macht es eigentlich Spaß, ein Album der Goldenen Zitronen aufzunehmen?

Ted Gaier: Ich finde schon.

Schorsch Kamerun: Ich finde teils, teils.

MusikBlog: Herrscht im Studio eine freudvolle Atmosphäre?

Ted: (lacht) Nein.

Schorsch: Doch, mehr als sonst. Es erzeugt zwar Reibungssituationen, wenn du als Subjekt ins Studio kommst und dich im Kollektiv durchsetzen musst. Bis auf kleine Ausschläge sind wir darin allerdings schon ziemlich erfahren. Warum fragst du?

MusikBlog: Weil das musikalische Resultat wie so oft von großer Schwere geprägt ist.

Ted: Was heißt denn Schwere?!

MusikBlog: Dass ihr seit den frühen Neunzigern von Platte zu Platte ein bisschen missmutiger zu werden scheint, irgendwie bedrückter.

Schorsch: Witzig. Ein Kollege von dir meinte vorhin, wir seien anschmiegsamer geworden, zugänglicher. Es stimmt natürlich, „More Than A Feeling“ ist eine Dystopie geworden, aber auch die kann ja ganz erhellend sein.

Ted: Entscheidend ist, dass unsere Musik seit 20 Jahren vor den Texten entsteht. Die Atmosphäre ist also nicht von ihnen bestimmt. Schon deshalb finde ich gar nicht, dass wir so missmutig sind, denn musikalisch ist zum Beispiel ein Stück wie „Das war unsere BRD“ cheezy Disco. Und „Gebt Doch Endlich Zu Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein“ entfaltet fast kindliche Euphorie.

Schorsch: Außerdem muss auch Anti-Musik nicht missmutig sein. „Katakombe“ ist gleich zu Beginn zwar wirklich düster, gibt aber auch Anlass zum Abheben durch Action, die da stattfindet.

Ted: Seit Joy Division wissen wir, dass es auch lustvolle Dystopie geben kann.

Schorsch: Und David Bowie oder selbst Death Metal haben sie endgültig zu Pop gemacht, das ist ja ihre Ausdrucksqualität.

Ted: Oder Wagner, kann ja auch Spaß machen, wenn man sich nicht davon einschüchtern lässt.

MusikBlog: Aber führt dieser Zwiespalt nicht dazu, nach der dauernden Problematisierung eurer Texte etwas Leichtes, Unpolitisches, einfach mal Lala-Musik zu machen?

Ted: Ich finde Musiker toll, die das können, bin dafür aber nicht der Typ. Als Texter kann ich mich nur mit Sendungsbewusstsein denken.

Schorsch: Musikalisch reißt das schon mit, was wir machen, finde ich; zumal wir gerade live eine sehr physische Band sind. In „Nützliche Katastrophen“ kommt ja sogar ein „Lalala“ vor. Und „20×20“ ist straight rockender Betonpunk. Andererseits benutzen wir Pop- oder auch Balladenelemente eher zur Irritation, als das wir sie aus Überzeugung einbinden.

Ted: „In der Schleife“ hat diesbezüglich fast Hit-Potenzial.

Schorsch: In mir steckt ein Stück weit auch Schlager, weil ich mit dem sozialisiert wurde und seine Einfachheit schätze – sofern es kranker, psychotischer Schlager ist. Schon im Funpunk, später dann bei „Das bißchen Totschlag“, oder auch im „Turnschuhlied“ haben wir das Bigotte im Schlager zur Fratze überhöht.

MusikBlog: Täuscht dann der Eindruck, dass ihr euch auf dieser Platte deutlicher echauffiert als zuvor, und den lyrischen Suspense gelegentlich durch Kraftausdrücke wie „Scheiße“ ersetzt?

Ted: Ich glaube, „Scheiße“ sagen wir nur im ersten Song.

Schorsch: Und im zweiten. Aber auch ohne Kraftausdrücke hat die Band als eine der wenigen, wenn ich das mal so sagen darf, immer klare Kante gezeigt. Vielleicht sind wir diesmal wirklich direkter, auf jeden Fall was die Themen betrifft. Wir dachten anfangs mal, oh nein – sechs Songs über Volk, Mauer, Rechte. Das könnte man als Indiz für Eindimensionalität verstehen.

Ted: Aber es geht ja nicht darum, was wir im authentischen Sinne denken, sondern wir versuchen, über das Einnehmen von Rollen Zustände zu beschreiben. In „Katakombe“ ist es eine Person, die Nazis aus einer eher unterkomplex linken Perspektive abwertet. In „Baut doch eure Scheiß-Mauer“ ist es eher so ein tourette-syndromhaftes Aussprechen einer Fantasie, die wir Typen wie Seehofer oder Gauland unterstellen.

Schorsch: Ginge man da akademisch ran, variieren wir im Grunde nur verschiedene Sichtweisen und abstrahieren sie. Das sind Haltungen, Charaktere. Als einer der ersten – jetzt komme ich schon wieder mit dem – hat das Bowie überzeugend gemacht, wenn auch nie so politisch. Und endgültig dann die zahllosen Hip-Hop-Characters, die eigentlich alles können.

Ted: Oder Theater. Das wechselt auf unseren Platten ständig. Orientiert habe ich mich Anfang der 90er stark an den Franz Josef Degenhardt Stücken, die Haltungen durchspielen. Der hat sich auch in andere Figuren versetzt, um als Kapitalist oder Spießer sprachgewandt und detailliert über die Verhältnisse zu berichten.

Schorsch: Wir mussten früh nach Platzhaltern unserer Wut suchen, weil es uns nicht mehr gereicht hat, Stimmungen und Zustände nur in Slogans zu verhandeln. Vielleicht sind wir auch deshalb am Theater gelandet. John Lydons hysterisches Spottgemecker finde ich aber bis heute wunderbar – der hat uns als junge Punker bereits tief beeindruckt. Die Texte der Sex Pistols waren beinahe übereindeutig, aber durch seine zickige Überhöhung hat er sie aushaltbar gemacht.

MusikBlog: Was deinen Gesang unüberhörbar geprägt hat.

Schorsch: Total. Ich mochte es schon immer, Dinge schwer in alle Richtungen zu überziehen.

Ted: Das gilt für uns alle.

MusikBlog: Wo ihr die Künstler eurer musikalischen Früherziehung ansprecht: seit 35 Jahren singt ihr gegen Verhältnisse an, die immer nur noch beschissener werden – ist das auf Dauer nicht ungemein ermüdend?

Ted: Ich finde gar nicht, dass alles nur beschissener wird.

Schorsch: Es gibt genug Wertvolles, das es festzuhalten lohnt. Wir sind auch nie kulturpessimistisch. Auch wenn man Deprimierendes aus der Platte heraushören möchte, sind wir begeistert dabei, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen, nirgends festzuhaken, frische Haltungen zu finden. Diese Band lebt davon, wach im Jetzt sein zu wollen.

Ted: Ich sehe die Goldenen Zitronen da als Medium. Unseren Text zum G20-Gipfel in Hamburg werden Leute womöglich in 30 Jahren noch hören und darin eine geschichtliche Quelle sehen, während die Fahndungsaufrufe in der „Morgenpost“ längst vergessen sind.

Den Ansatz haben wir seit „80 Millionen Hooligans“, als wir nach Rostock-Lichtenhagen bewusst in öffentliche Diskurse interveniert haben. Auch beim G20-Text hatte ich das Bedürfnis, den ritualisierten, ideologischen Deutungen der Ereignisse, Beobachtungen entgegen zu setzten, die in den Debatten in solchen Fällen nie vorkommen.

Das fängt an bei der Beschreibung der Akteure. Es macht ja einen Unterschied, aus welcher Motivation heraus ein italienischer Autonomer eine deutsche Bankscheibe einhaut, oder ein unterprivilegiertes Vorstadt-Kid.

Schorsch: Was man als kritische Band dringend austarieren muss, ist die Verschiebung der Diskurs- und Begriffsebenen – wie sehr sich Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Kommunikation seit den späten 60ern gewandelt, in den Definitionen teils völlig umgedreht haben. Weil es uns aber auch Spaß macht, all dies zu kommentieren, werden wir darin nicht müde. Wir sind ja keine Misanthropen.

Ted: Dafür steckt viel zu viel Humor und Selbstironie in unseren Texten.

MusikBlog: Wenn man sich „Das War Unsere BRD“ anhört, aber auch ein Stück nostalgische Wehmut.

Schorsch: Ambivalenter, rückblickender Schmerz (lacht).

Ted: Als wir das Album überblickt haben, fiel auf, wie viel darin von Mauern, Heimat, Rassismus die Rede ist. Deshalb war das dann ein Versuch, weg zu kommen von dieser Gegenwärtigkeit. Es ist ja ein Stück über Nostalgie, das durch den Rückblick auch nostalgisch machen kann.

Wobei mein romantisches Gefühl zur alten BRD auch in meiner Abneigung besteht. Ich liebe sozusagen meinen Hass auf die BRD, der ist ebenso Teil meiner Identität wie Boney M., die ich damals zwar scheiße fand, nun aber ein warmes Gefühl in mir erzeugen, wenn ich sie im Oldie Radio höre.

MusikBlog: Verklärt man automatisch seine Vergangenheit, wenn man sie mit großem Abstand neu betrachtet?

Ted: Ich glaube schon.

Schorsch: Absolut sogar. Man darf bei der Rückschau nur nicht außer Acht lassen, warum es so war, wie es war, und welche Kräfte darauf eingewirkt haben. Wir sind eine Band, die sich permanent von allem Möglichen abgrenzt. Weil das so anstrengend ist, geht es mir mittlerweile auch schon mal auf die Nerven.

Ted: Ich finde Abgrenzung als Geste ist was für Zwanzigjährige, nicht für Fünfzigjährige.

MusikBlog: Ihr seid aber auch noch nicht 70 – schwingt, anders als eingangs vermutet, dennoch eine Art Altersmilde bei euch mit?

Ted: Nein.

Schorsch: Vielleicht passt „Reife“ besser. Wir versuchen tatterig, aber unter voller Fahrt, auf das Heute zu schauen.

Ted: Zwischen verknöchert und Milde ist die Spanne ja riesig. Wir sind ungefähr in der Mitte.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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