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Nicht nur das dystopische Gräuel, auch das utopisch Schöne – Stealing Sheep im Interview

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Stealing Sheep, das sind Rebecca Hawley, Emily Lansley und Lucy Mercer. Als selbsternannte „Robo-Bitches“ schicken sich die Elektro-Popperinnen aus Liverpool mit „Big Wows“ dazu an, die Anfangsära des Internets einer nostalgischen Zäsur zu unterziehen. Mit MusikBlog haben sie darüber hinaus über den Brexit, toxische Männlichkeit, Michael Jackson (also noch mehr toxische Männlichkeit) und ihre Netflix-Highlights gesprochen.

MusikBlog: Hey ihr drei! Gleich zu eurer Singleauskopplung „Jokin’ Me“, zu der es auch ein artsy Video gibt: Dort verknüpft ihr eine verpixelte MS-DOS-Ästhetik mit kontemporären Kultursignen, beispielsweise der friendzone-Geste. Woher kam die Idee zu dieser Fusion aus Web-Nostalgie und aktueller Lebenswelt?

Rebecca Hawley: Es ist witzig, dass wir die erste Internetära bereits jetzt nostalgisch betrachten können. Als Robo-Bitches fühlen wir uns in diesem Kontext einem Kosmos zugehörig, in dem wir die Synthese aus Maschinellem, Musik und Tanz zelebrieren. Uns kommt es wie natürlich vor, dass wir mehr und mehr zu Avataren werden, vor allem seitdem unsere Musik noch unorganischer klingt.

MusikBlog: Mir gefällt in dem Video vor allem die „Do you think about me?“-Sequenz, die sich als nerviges Pop-Up-Fenster verselbstständigt. Hat uns die voranschreitende Digitalisierung so narzisstisch gemacht, dass wir uns der Antwort auf diese Frage unaufhörlich vergewissern müssen?

Rebecca Hawley: Vielleicht. Kommt drauf an, ob man es eben so interpretiert.

Lucy Mercer: Wir wissen natürlich um das zerstörerische Potential der Digitalisierung, letzten Endes sind wir aber auch ein Teil von ihr. Die Lyrics könnten an dieser Stelle also durchaus als zwanghafte Besessenheit gelesen werden. Nicht zuletzt, weil wir uns immer mehr über unsere digitalen Abbilder definieren als über uns selbst. Gruselig!

MusikBlog: In dem Fall würde ich doch glatt vermuten, dass ihr von dystopischen Serien wie „Maniac“ oder „Black Mirror“ inspiriert werdet, die solche Themen vielfach aufgegriffen haben.

Lucy Mercer (lacht): Was willst du damit sagen? „Maniac“ war ziemlich cool. Richtig inspiriert wurden wir allerdings von „Stranger Things“, vor allem was den Soundtrack angeht. 

MusikBlog: Pastellfarben sind häufig Kernelemente eurer Clips, schon bei eurem letzten Album „Not Real“ war das so. Ich finde das ziemlich spannend, weil es auf gewisse Weise diese Vorstellung von etwas total Niedlichem ironisiert und deshalb immer auch als künstlerisches Statement gelesen werden muss.

Emily Lansley: Einhundert Prozent! Wir geben unserer Kunst damit einen absolut überklischiert femininen Touch. Wir sind fasziniert davon, dass diese Farben einerseits als superniedlich und verspielt, andererseits aber auch als unbequem wahrgenommen werden, weil man sie so sehr mit femininem Aufbegehren assoziiert.

MusikBlog: Das Kernmerkmal eurer Musik hingegen sind offensichtlich die Synths, mit denen ihr digitale, geradezu futuristische Klanglandschaften und robotische Features kreiert, die am Ende tatsächlich den Eindruck eines sehr synthetischen und entmenschlichten Sounds evozieren. Das macht Stealing Sheep schon auch zu einer Cyborg-Band, oder? Ist das vielleicht die Konsequenz der unwiderruflichen Digitalisierung unseres Alltags?

Rebecca Hawley: Wir versuchen dieses cyborg-ähnliche mit organischen Elementen zu ergänzen, nicht umgekehrt. Von daher freut es uns, dass du das ansprichst. Wir wurden dabei maßgeblich von Delia Derbyshire inspiriert, die schon einige Soundtracks für BBC-Produktionen gemacht hat. Dabei nimmt sie etwa Field Recordings von Lampenschirmen oder Heizkörpern auf, um diese dann so zu verändern, dass am Ende eine emotionale Komponente nachweisbar ist. Es spiegelt sich also nicht nur das dystopische Gräuel im Technologischen wider, sondern auch das utopisch Schöne!

MusikBlog: Mal was ganz Analoges: Inwieweit beeinflusst euch eure Liverpooler Heimat?

Emily Lansley: Liverpool ist ziemlich nah an den Menschen dran, irgendwie kennt hier jeder jeden. Deshalb beziehen wir viele unserer Inspirationen auch von den Menschen, mit denen wir hier in Kontakt sind. Irgendwas geht immer: Kunst, Musik, Theater, vielleicht aber auch einfach mal nur ein netter Spaziergang in den umliegenden Landschaften. Diese Stadt gibt uns sehr viel, aber auch immer verschiedenes – so, als würde sie ständig auf unsere unterschiedlichen Stimmungen reagieren.

MusikBlog: Ich weiß, dass euch die nächste Frage ermüdend vorkommen muss, wahrscheinlich weil sie euch schon viel zu oft gestellt wurde. Aber dennoch: Inwieweit würde euch der Brexit direkt betreffen? Was denkt ihr darüber?

Alle: Stoppt den Brexit!

MusikBlog: Vor vier Jahren wurdet ihr bereits vom feministisch geprägten Missy Magazine interviewt. Für die feministische Bewegung hat sich seither viel verändert, nicht zuletzt dank der #metoo-Debatte und dem grundsätzlich erneuertem Bewusstsein über toxische Männlichkeit, insbesondere im Unterhaltungssektor. Inwieweit sind das auch Anliegen, die ihr in eure künstlerische Agenda mit aufnimmt?

Rebecca Hawley: Was das empowerment der Frauen angeht, sind wir verdammt stolz! Ich denke, dass das durch unsere Ästhetiken und unsere Musik auch deutlich rüberkommt.

Lucy Mercer: Alles, was wir in den letzten neun Jahren gemacht haben, hat uns persönlich dabei geholfen, unserer gemeinsamen, unserer weiblichen Stimme mehr Ausdruck zu verleihen. Hierzu haben wir übrigens auch ein Wandmal-Projekt am Laufen! In Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen haben wir Mauergemälde in Mexiko, Tokio, Liverpool und jetzt auch in Bristol realisiert, die unsere Botschaft bildnerisch in die Welt tragen.

Emily Lansley: Letzten Sommer haben wir auch eine Marschkapelle namens Suffragette Summer gegründet, mit der wir auf insgesamt zehn Festivals im UK gespielt haben. Das war echt großartig und für jede, die dabei war, ein herausragendes Erlebnis. Wir sind uns ständig darüber bewusst, was um uns herum passiert. Genau deshalb verpflichten wir uns zu genau solchen Projekten. Nicht nur um uns selbst, sondern auch andere, die ähnliche Gedanken haben, in einer gemeinsamen Sache zu stärken.

MusikBlog: Ihr habt ja mal erwähnt, dass Michael Jackson zu euren Vorbildern gehört – wenigstens musikalisch. Würdet ihr diese Aussage, jetzt wo die Missbrauchsvorwürfe ihm gegenüber aktueller denn je sind, revidieren?

Emily Lansley: Das ist eine knifflige Frage. Ich habe mir da schon öfter Gedanken drüber gemacht, vor allem weil er ja nicht der einzige gefeierte Musiker ist, der einst gefeiert wurde, den man jedoch mittlerweile mit Vorsicht genießen sollte. Vielleicht fällt es uns leichter, solche Acts wieder zu entdecken, wenn sich der erste Schreck erstmal aufgelöst hat…

Rebecca Hawley: Im Grunde haben wir ihn immer gefeiert, aber nun hinterlässt seine Musik doch einen sehr, sehr faden Beigeschmack. Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir ihn jemals „wieder entdecken“ wollen. Ich weiß nicht, wie wir das in der Zukunft bewerten, für den Moment ist jedoch völlig klar: Michael Jackson kriegt von uns ein Veto!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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