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Like Lovers (Credit Melanie Schlösser)

Das ist die große Absurdität – Like Lovers im Interview

Jan Kerscher alias Like Lovers sitzt eigentlich hinter den Reglern. Im beschaulichen Röttenbach baute Kerscher sich über Jahre mit viel Herzblut eine charmante Studio-Community auf, die Ghost City Recordings. Aber der Job als Produzent von Bands wie A Tale Of Golden Keys oder Mutiny On The Bounty war noch nie Kerschers alleinige Leidenschaft, denn die gilt nach wie vor der Musik an sich.

Aus Zeitmangel zogen jedoch Jahre ins Land, bevor mit „Everything All The Time Forever“ diesen September endlich das erste Solo-Album von Like Lovers erscheint. Die akribische Arbeit und die Detailverliebtheit hört man dem Erstling an, auf dem Kerscher nicht weniger tut, als über die aktuelle Lage der Welt zu reflektieren. Im MusikBlog Interview mit Kerscher schlittern wir deswegen bereits nach wenigen Minuten mitten in ein intensives Gespräch über die Absurditäten unserer Zeit, Enthusiasmus und uneingeschränkte Verfügbarkeit.

MusikBlog: Was hat es mit dem Bandnamen Like Lovers auf sich?

Like Lovers: Der Name ist irgendwann einfach so erschienen. Mir ist so viel im Kopf herum gegangen und ich habe so lange nach einem guten Namen gesucht und plötzlich tauchte er einfach auf. Dann habe ich ihn mit zwei guten Freunden gegen gecheckt und die meinten beide: „Ja, ist cool.“

MusikBlog: Erinnerst du dich noch an den genauen Moment, als er aufgetaucht ist?

Like Lovers: Nein, das ist schon zu lange her. Aber ich kann dir noch den Gedankengang erklären, der dahintersteckt. Bei mir sind Dinge oft anders herum. Meistens steht am Anfang ein Wort oder ein Gedanke. Das Erste was es von einem Song gibt, ist ein Dateiordner, in den das Projekt reinkommt, was ich dann aufnehme.

Der Name dieses Ordners verändert sich in neun von zehn Fällen nie wieder. Einem Menschenkind gibt man ja auch einen Namen direkt nachdem es geboren wird und nicht 18 Jahre später, nachdem sich die Persönlichkeit entwickelt hat. Es ist die Frage vom Huhn oder vom Ei. Richtet sich der Name nach der Persönlichkeit oder eben die Persönlichkeit nach dem Namen?

Bei einem Song ist es genauso. Es ist was Lebendiges, was sich dadurch formt, wie du es nennst oder es empfindest, deswegen sind Titel für mich wahnsinnig wichtig. Like Lovers hat auch so einen Sprachaspekt. Aus zwei positiven Wörtern entsteht etwas tendenziell eher Negatives. Aus den Wörtern Liebe oder Liebende und like – mögen -, macht es die Figur Like Lovers – wie Liebende. Sie sehen so aus wie Liebende, sind aber vielleicht gar keine.

MusikBlog: Wo du gerade von Liebe sprichst. Eine Zeile aus dem Song „Health“ lautet „I‘ve been in love but I’m feeling better now.“ Hast du den Glauben an die Liebe verloren?

Like Lovers: Nein, so ist das gar nicht gemeint. In dem Song geht es um die rosarote Brille der Verliebtheit. Ich bin ein sehr enthusiastischer Mensch und Enthusiasmus ist, wenn man so will eine Kurzform der Liebe. Das heißt du begegnest einem Menschen und denkst so: „Woah, geiler Mensch“. Ich verliebe mich im weitgefassten Sinne sehr schnell in alle Arten von Dingen oder Menschen.

MusikBlog: Und wurdest dabei enttäuscht?

Like Lovers: Ich habe mich selbst verloren. Wenn man möchte, kann man dieses Verliebt Sein an sich, das initiale Verliebtsein als seelisch hormonellen Ausnahmezustand betrachten. Das ist ja im weitesten Sinn ein biochemischer Prozess, gegen den man nichts tun kann. In „Health“ geht es darum, dass es mich einmal so erwischt hat, dass ich im Nachhinein feststellen musste, dass das überhaupt nicht ich war.

Ich war drauf und dran, über den Ozean zu ziehen, um der Liebe zu folgen. Als sich das Gefühl dann verflüssigt hatte, habe ich mich wirklich gefragt, was da mit mir los war. Zwar hat sich in diesem Moment alles total richtig angefühlt, aber ich musste dann feststellen, dass ich nicht bei klarem Verstand war. Und darum geht es in diesem Song, dass die Realität, die man sich baut, wenn man sich verliebt nicht unbedingt die Realität ist, die wirklich stattfindet.

MusikBlog: Unsere derzeitige Realität ist auch auf deinem Debüt „Everything All The Time Forever“ ein großes Thema.

Like Lovers: Ja, wie der Titel schon verrät, geht es auch um große gesellschaftliche Prozesse. Der Titel ist zeitgeistlich für unsere große kapitalistische Konsumgesellschaft, aus der wir irgendwie nicht ausbrechen können. Du und ich, wir leben im Epizentrum des Wohlstandes der Welt und trotzdem werden alle depressiv in Deutschland, weil sie immer noch denken, sie kriegen nicht genug oder verpassen etwas. Und es geht mir selber so und ständig frage ich mich: „Tu ich das richtige im Leben?“. Mir passiert es regelmäßig, dass ich in meinem Studio sitze und denke: „Musikproduktion ist doch total wertlos. Geh‘ doch Bäume pflanzen.“

MusikBlog: Und gehst du dann Bäume pflanzen?

Like Lovers: (Lacht). Ich glaube, jeder Mensch muss das tun, was er im Bereich seiner Kompetenzen als das Sinnvollste ansieht. Manche Leute sind gut darin, zu kommunizieren und werden Umweltaktivisten, weil sie dafür brennen. Andere Leute spenden 20 Euro dafür, dass jemand anderes Bäume einpflanzt. Es wäre ja auch niemandem geholfen, wenn alle, denen die Umwelt wichtig ist, von heute auf morgen Aktivisten werden. Ich denke, dass die Probleme in unserer Gesellschaft so komplex geworden sind, dass man sie alleine als Individuum nicht lösen kann.

MusikBlog: Denkst du, dass die Probleme zu groß geworden sind, um sie überhaupt noch zu bewältigen?

Like Lovers: Das ist eine gute Frage. In dem Video zu „Fall“ visualisiert sich die Auseinandersetzung mit der Größe unserer Probleme sehr gut. Da geht es darum, dass man in Erwartung von etwas durch sein Leben hindurch fällt, aber dann einfach nichts passiert.

MusikBlog: Das Video dazu gab es zu Beginn nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu sehen. Warum?

Like Lovers: Wir wollten einfach den unbegrenzten Zugang einschränken. Mein Album trägt den Tital „Everything All The Time Forever”, was auf den Aspekt unserer Gesellschaft anspielt, dass man heute einfach auf alles ständig Zugriff hat. Der Fakt, dass ich jetzt auf Amazon was bestellen kann, was morgen da ist, ist absolut verrückt.

Man sagt immer, man hat den eigenen Konsum im Griff, aber es wird kaum darüber geredet, dass die Wünsche, die da entstehen gar nicht vom Konsumenten kommen. Ich bin ja früher, als ich noch zwei Wochen auf eine CD warten musste, nicht zur Bundesregierung gegangen und habe gesagt: „Hey, das wäre aber super, wenn das morgen schon da sein könnte. Könnt ihr nicht auf alles scheißen und dafür sorgen, dass das morgen schon da ist?“ Kein Konsument hat sich das jemals gewünscht. Diese Wünsche werden dadurch gesteuert, was jemand anbietet. Ich bin großer Befürworter eines Systems, das jedem Hersteller eine Auflage machen müsste, dass sein Produkt oder seine Dienstleistung das Prädikat „gut“ verdient.

MusikBlog: Hast du ein Beispiel?

Like Lovers: Ja, Plastikstrohhalme. Es ist doch völlig verrückt, die zu verbieten, nachdem sie gemacht worden sind. Der Hersteller von Plastikstrohhalmen müsste doch von vornherein merken, dass das ein sinnloses Kackprodukt ist. Und das ist die große Absurdität.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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