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Fiona Apple (Credit Sony Music)

Fiona Apple – Fetch The Bolt Cutters

Wir leben in verrückten Zeiten. Vielleicht ist „Fetch The Bolt Cutters“ eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn nach acht Jahren Funkstille kommt Fiona Apple mit einem Album um die Ecke, das einen in der Quarantäne Kopf stehen lässt und mit dem mentalen Bolzenschneider selbst das losschneidet, was sich in den letzten Winkel des eigenen Bewusstseins befindet.

Vielleicht müssen wir einfach alle ein bisschen mehr Fiona Apple sein. Denn die 42-jährige verbringt ihr Leben generell gerne isoliert. Selbst ihre regelmäßigen Auftritte im Largo Club in LA stellte die Künstlerin ein.

So ist es keine große Überraschung, dass „Fetch The Bolt Cutters“ größenteils in Apples Haus in Venice Beach entstanden ist, das sie meist nur zu strändlichen Morgenspaziergängen mit ihrem Hund verlässt.

Der leicht irre Blick, mit dem Apple von dem Cover ihres aktuellen Albums (das aussieht, als wäre es eine Beschäftigungsmaßnahme im Kunstunterricht zu Zeiten der Schulschließung der Grundschulen gewesen) blickt, ist nicht nur eine treffende Visualisierung des derzeitigen Gemütszustands, sondern auch der Musik auf „Fetch The Bolt Cutters“.

Denn Easy Listening sieht definitiv anders aus. Obwohl der Opener „I Want You To Love Me“ nach anfänglichen Sound-Spielereien als fast reiner Klaviersong daher kommt und erst in den letzten 20 Sekunden mit stimmlicher Ekstase den Rahmen der Normalität sprengt, bedient sich Fiona Apple bei der Albumproduktion ansonsten offensichtlich an allem, was ihr Haus zu bieten hat.

Man weiß nie so genau, was einen erwartet. Die Percussion klingt oft wie Jam-Sessions auf jedem Gegenstand, der sich nicht dagegen wert: Ein Glöckchen hier, eine Mülltonne da und zwischen allem der bellende Hund, der gerne auch seinen Beitrag leisten möchte.

Man kann förmlich sehen, wie Apple mit ihren ausgewählten Mitmusikern auf der Suche nach Sounds durch ihr Haus tigert und entfesselt mit allem auf alles schlägt.

Während man sich also beispielsweise bei „For Her“ in seiner eigenen Quarantäne den Kochlöffel schnappt und glücklich über eine Beschäftigung gedankenverloren mithämmert, wird man plötzlich von Zeilen wie „Good mornin’! Good mornin’ / You raped me in the same bed your daughter was born in” selbst an der Schläfe getroffen.

Denn Fiona Apple hat viel zu sagen und macht keinen Halt vor Themen, die weh tun. Häufig ist ihr eindringlicher Vortrag viel mehr Sprechgesang, bei dem die Poesie der Prosa weicht.

Egal, ob liebliches Gesäusel, einzelne Wörter, wie bei „Ladies“, denen Apple mit verschiedensten Betonungen Nachdruck verleiht oder wilde Singsang-Chants wie bei „Newspaper“ – jede Silbe dringt auf direktem Weg in den Gehörgang ein und setzt sich dort fest, bis man jeder Passage auf den Grund gegangen ist.

„Fetch The Bolt Cutters / I’ve been in here too long“, lautet der Refrain des Titeltracks – der Name des Albums findet seinen Ursprung übrigens in einer Szene der britischen Serie „The Fall“ – und könnte in der derzeitigen Corona-Krise zum Satz des Monats avancieren.

Doch wenn man Alben wie „Fetch The Bolt Cutters“ auf Dauerrotation laufen lassen kann, hält man es drinnen vielleicht doch noch ein bisschen länger aus.

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