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Thao & The Get Down Stay Down (Credit Shane McCauley)

Thao And The Get Down Stay Down – Temple

Wenn man die Erklärung des Wortes „Schizophrenie“ musikalisch darstellen wollte, würde sich „Temple“ von Thao & The Get Down Stay Down ganz hervorragend eignen.

Denn, wenn Frontfrau und Namensgeberin Thao Nguyen gemeinsam mit ihren Mitmusikern jedes Band im Körper überdehnt und den Spagat von simpler Pop-Hymne bis zu leicht verstörendem Gemisch aus Hip-Hop und Stakkato-Gesang schafft, hat man wirklich das Gefühl, dass hier nicht die gleichen Personen am Werk sein können.

„Ich habe mich in so viele verschiedene Ichs geteilt. Ich bin nervös, aber ich hoffe, dass ich, indem ich mir selbst treu bin, immer noch zu meiner Familie und meiner vietnamesischen Community gehören kann“, erklärt Frontfrau Nguyen die überraschende Direktheit des fünften Studioalbums „Temple“.

Denn mit ihrer queeren Identität hatte Nguyen es in Sachen Akzeptanz mit ihrem kulturellen Hintergrund nicht leicht, weswegen sie darüber bislang lieber in einer großen Wolke aus Doppeldeutigkeit und blumigen Andeutungen sang. Damit soll mit „Temple“ Schluss sein.

Und tatsächlich geht es gleich mit dem zweiten Song „Phenom“ zur Sache. Musikalisch ist der Track deutlich mehr vom Hip-Hop beeinflusst und über den groovigen Basssound wirkt die Gitarre wie Percussion.

Dazu intoniert Nguyen in einer Art Sprechgesang Lyrics, die kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: „Shamefully shame’s claim on me / Led my life with infamy / But I don’t call it / I don’t solve it / I dissolve it / Famously“.

Bei der Textdichte und dem Spannungsbogen, der – wie später textlich prophezeit – in einer Art stimmlichen Vulkanausbruch endet, kann man kaum glauben, dass der Song nicht mal drei Minuten lang ist.

„Pure Cinema“ hingegen scheint wie aus einer anderen Welt und ist neben „How Could I“  der eingängigste Song des Albums, der daran erinnert, warum Thao & The Get Down Stay Down auch gerne mal als Indie-Folk-Band betitelt wurden.

„Disclaim“ hingegen wirkt im sofortigen Kontrast wie der perfekte Soundtrack für ein Alien, das gerade seine nächste Invasion plant. Und die in Kopfstimme intonierten Zeilen von Nguyen „How can the haunted / Still be that haunting“ setzen sich als selbsterfüllende Prophezeiung mit ihren leicht dissonanten Harmonien sofort selbst als Geister im Gehörgang fest.

Trotz aller Experimentierfreude, die Hand in Hand mit gewöhnungsbedürftigen Dissonanzen und ausgefallenen Arrangements geht, ist „Temple“ nicht nur wegen seiner direkten Message eine hörenswerte Platte.

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