Es gibt Beweisfotos. Die beiden NRW-Elektroniker Mouse On Mars haben tatsächlich Lee „Scratch“ Perry getroffen, jenen schrill-bunten und laut Überlieferung manchmal manisch wirkenden Dub-Pionier des niedergebrannten Black-Ark-Studios.
Im frisch gebrauten, aber posthumen Klang-Chaos „Spatial, No Problem.“ hört man auch konstant seine Stimme. Diese spielte in seinem produktiven Leben als Hochbetagter gerade in den letzten Jahren vor seinem Tod eine große Rolle, und Lee “Scratch” Perry wirkte mit seinen hohen Sprechgesängen und dem unzusammenhängenden Brabbeln von Stichwörtern wie ein Monty Python
Das verrückte Werk ist in Berlin entstanden, Perry erwähnt diesen Umstand auf der Aufnahme „Hallo Shiva“: Er spricht vom „German Laboratory“.
Weltruhm erworben hatte sich der Jamaikaner aus ärmlichen Verhältnissen aber als Perkussionist, Studio-Inhaber, Songautor und Produzent. Den Beinamen „Scratch“ zog Lee sich durch ein Sample zu.
An maßgeblichen Aufnahmen der Rasta-Musikgeschichte war er beteiligt, mit den Mighty Diamonds, Junior Murvin, Susan Cadogan, Max Romeo sowie zwei frühen Bob Marley-Wailers-Alben. Sein „Police And Thieves“ übernahmen später The Clash, die ihn in Londons Punk-Szene einführten und für ihre eigenen Aufnahmen gewannen.
Anspielungen an die Wurzeln sowohl seiner eigenen wie auch Bob Marleys Karriere tauchen in „To The Rescue“ auf, einem Zitat aus dem Marley-Klassiker „Sun Is Shining“, und in dem neuen Stück heißt es „Kill Coxson!“ Gemeint sein dürfte hier freilich der Ausbeuter Coxsone Dodd, der ihm einst den Weg zur Tontechnik wies.
In „State Of Emergency“ referiert Perry im Selbstgespräch auf Chris Blackwell, der ihn als Marley-Producer ablöste. Später, nach dem eigenen Durchbruch und der Eingemeindung in den Punk, wohnte der Miterfinder des Dubbens in New York, dann in der Schweiz in Einsiedeln nahe dem Zürichsee.
„Spatial, No Problem.“ ist nun wahrlich nicht das erste Album, das nach seinem Tod erscheint, aber eine der Aufnahmen, an denen er selbst noch konsequent mit werkelte.
„Ich bin kein menschliches Wesen in der Maschine“, so heißt es in einem Songtext – da scheint er sich noch seine Gedanken zur Künstlichen Intelligenz von der Seele formuliert zu haben. Aber man muss gar nicht auf all das hören, was er hier von sich gibt.
Zumal etliche der Tracks durch ihre kurvenreiche Struktur und massiven Bläsersätze wie Kurz-Trips in den Jazz wirken. Somit erfüllt die Platte weder das, was man mit Lee “Scratch” Perry assoziiert hätte, noch entspricht sie dem, was man sich gemeinhin unter elektronischer Musik vorstellen würde.
Das avantgardistische Gefrickel ufert manchmal aus. Es ist zwar immerhin lebendig, folgt jedoch keiner erkennbaren Linie. Es ist ein Ausloten und der – stellenweise krampfhafte – Versuch, etwas Unfertiges zu vollenden und ein Jazz-Album auf Sophisticated-EDM-Pop zu trimmen.
Jan St. Werner von Mouse On Mars stellt allerdings heraus, dass gerade das offene Herangehen durchaus die Absicht aller Beteiligten gewesen sei. Spannende Resultate gibt es durchaus, wie „Yayaya“ mit unaufhörlichem Fiep-Noise-Pumpen und einer indischen Sitar- und Tabla-Anmutung sowie zerklüfteten Satzteilen im Spoken Word.
Der Einstieg „Rockcurry“ klingt bisweilen wie eine besondere unentdeckte Single der Talking Heads aus dem Jahre 1979 in einem Disco-Remix von Arthur Russell, ist aber eben doch ein neuer Song von Mouse On Mars.
Die quirlige Sound-Studie „Spatial, No Problem.“ liefert zwar keine überragenden Songs, kratzt aber gelegentlich an Hörgewohnheiten, besonders im spröden „Economic Train“.
Angesichts des ausgeprägten Kunst-Charakters passt es, dass das Album in der ersten Woche des Erscheinens auch als Installation in London dargestellt wird.
