Das Weirdo-Konglomerat Hen Ogledd will mit dem enuen Album „DISCOMBOBULATED“ sein bislang zugänglichstes und emotionalstes Werk aufgenommen haben. Für Leute, die mit Avantgarde maximal Militärisches verbinden, gibt es trotzdem nichts zu holen.
Richard Dawson, der sich zuletzt solo mit „End Of The Middle“ als prägnanter LoFi-Singer/Songwriter verdingte, ist Chef einer Hydra von Band, bei der ihm ständig neue Flausen aus dem Kopf wachsen.
„Scales Will Fall“ zum Beispiel ist direkt zu Beginn ein schräger Mix aus Indierock, Synthpop-Choral und Hip-Hop-Pamphlet. Warum auch nicht die Narrenfreiheit orchestral aufbocken, um ein Album einzuleiten, das politische Umbrüche, persönliche Krisen und mentale Gesundheit in einer „verrückt gewordenen Welt“ verhandelt, wie Dawson selbst sagt.
Auch wenn der Song mit seinen achteinhalb Minuten am Ende mit einer wild gewordenen Jazz-Trompete noch weitere Haken schlägt, zählt die Hook aus Bläsern und Choreinsätzen tatsächlich zum eingängigsten, was das britische Avant-Folk-Projekt bisher aufgenommen hat.
Dass dabei historische Protestreferenzen auftauchen, unterstreicht die Verlagerung des Themenschwerpunkts weg von der Mythologie der nordbritischen Geschichte hin zu weltlicheren Dingen. „Clara“ etwa ist einer jener surrealen Songs über eine Bergbaulandschaft, Field-Recordings und Gastmusiker inklusive.
Dabei streifen Hen Ogledd ihre immanente Skurrilität nie ab. Sie führte auf den ersten beiden Platten stets dazu, dass man unterstellen konnte, sie würden ihre Sachen nicht ganz ernst nehmen. Auch auf ihrem dritten Album „DISCOMBOBULATED“ finden sie Gefallen daran, die Elemente und Instrumente miteinander feixen zu lassen.
Trotzdem lässt sich eine neue Ernsthaftigkeit erkennen, die sie näher an Bands wie die schwedischen Experimentalrocker Dungen heranrücken lässt, wenn sie selbst einem derart faserigen und kaleidoskopischen Stück wie „End Of The Rhythm“ noch handfeste Melodie abringen.
Und wie sonst würde man wohl das Chaos in der Welt besser ausdrücken als im völligen Tohuwabohu des perkussiv implodierenden Auftaktes zum 20-minütigen „Clear Pools“?
