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Denai Moore (Credit Nadira Amrani)

Die Künste spielen in Krisenzeiten eine große Rolle – Denai Moore im Interview

Seit Denai Moore 2014 durch ihr Mitwirken am SBTRKt-Track „The Light“ erstmals Aufmerksamkeit erlangte, hat die britisch-jamaikanische Musikerin bereits drei Alben veröffentlicht. Auf „Modern Dread“ bringt sie mit einem gelungenen Mix aus Soul- und Pop-Elementen ihre Besorgnis um die Welt zum Ausdruck. Während der ersten heißen Sommertage sprachen wir mit der 27-jährigen Künstlerin über falsche Entschuldigungen, Rückzugsorte und die Möglichkeiten einer Krise.

MusikBlog: Denai, dein neues Album heißt „Modern Dread“. Wofür fürchtest du dich derzeit am meisten?

Denai Moore: Ich glaube, allgemein vor der Zukunft. Wir leben gerade in so einer absurden Zeit und es ist unklar, wie die Zukunft genau aussehen wird. Unser gewohntes Leben wurde demontiert, aber gleichzeitig werden wir uns unserer Beziehung zur globalen Erwärmung bewusster und fragen uns, was wir tun können, um den Planeten noch zu retten. Wir hinterfragen das System und die Gesellschaft, in der wir leben.

MusikBlog: Wie gehst du mit diesen Ängsten um?

Denai Moore: Musik spielt bei mir definitiv eine große Rolle. Sie ist ein nötiges Werkzeug für mich, weil ich so meine Gefühle direkt reflektieren kann. Gerade in der heutigen Zeit lassen viele ihrer Frustration im Internet freien Lauf. Ich hingegen nutze meine Frustration oder rastlosen Gefühle und verwandle sie in Musik.

MusikBlog: Auf deiner Facebook-Seite schreibst du: „Es fühlt sich verrückt an in dieser Zeit meine eigene Musik zu promoten“. Warum?

Denai Moore: Es fühlt sich ein bisschen trivial an, inmitten dieser vielen Krisen – Pandemie, die Vorfälle in Amerika – über Musik zu sprechen. Wobei ich gleichzeitig auch finde, dass die Künste gerade in Krisenzeiten eine große Rolle spielen. Ich wende mich immer den Künsten zu, wenn meine Gefühle mich überwältigen. Dann beispielsweise in eine Galerie zu gehen oder mir Musik anzuhören, gibt mir ein Gefühl der Erleichterung.

MusikBlog: Denkst du, dass Musik und Kunst Werkzeuge sein können, um die Welt in der wir leben zu verändern?

Denai Moore: Ja. Kultur ist ein signifikanter Teil unserer Gesellschaft. Gerade in Krisenzeiten haben Musik und Kunst eine therapeutische Wirkung. Wir kennen alle das schöne Gefühl, auf ein Konzert zu gehen und uns als Teil einer Community zu fühlen. Oder einen Film zu sehen, der uns bereichert und uns einen neuen Blickwinkel oder mehr Verständnis zu einer bestimmten Thematik schenkt.

Diese Kunstformen sind wichtig, um sich mit dem zu beschäftigen, was gerade in der Welt passiert. Viele elektronische Produzenten haben während der Corona-Krise instrumentale Ambient-Tracks veröffentlicht. Diese Musik hilft uns mit den Problemen klar zu kommen. Kunst verändert die Welt also insofern, dass sie uns dabei hilft die Geschehnisse zu verarbeiten, uns ein Gefühl der Erleichterung verschafft und auch motiviert und uns wieder aufrichtet.

MusikBlog: In deinem neuen Song „Turn Off The Radio” lautet eine Zeile: „Is there a simple quiet place?” Hast du deinen persönlichen Rückzugsort mittlerweile gefunden?

Denai Moore: Ich habe mir angewöhnt, meinen Tag sehr friedlich und entschleunigt zu beginnen. Auch weil ich eine komplizierte Beziehung zu meiner psychischen Gesundheit habe und oft sehr ängstlich bin, ist es wichtig, dass ich mir am Tag genügend Zeit nehme, um beispielsweise ein bisschen zu lesen oder Laufen zu gehen.

Dabei höre ich keine Musik, sondern versuche, die Natur aufzusagen und dieses Gefühl der Stille in mir aufzunehmen. Deswegen bin ich auch ans Meer gezogen. Ich habe mein ganzes Leben in London gelebt und liebe diese Stadt, aber es fühlt sich für mich mittlerweile einfach zu laut und zu geschäftig an. Das kann wirklich anstrengend sein. In Margate genieße ich es sehr, am Meer und in der Nähe eines Waldes zu sein und fühle mich so von meiner Umgebung nicht überfordert. Ich würde also sagen, dass die Natur mein persönlicher Ruheort geworden ist.

MusikBlog: Ein anderer Song auf deinem neuen Album heißt „Fake Sorry“. Hast du schon mal jemandem eine falsche Entschuldigung gegeben?

Denai Moore: (lacht). Ja. Ich habe den Song geschrieben, weil mir diese Verhaltensweise aufgefallen ist, dass man sich ständig für etwas rechtfertigt. Mir fallen so viele Beispiele ein, wo man sich für bestimmte Dinge entschuldigt hat, für die man sich eigentlich nicht hätte entschuldigen müssen. Oft hängt das damit zusammen, dass man nicht unhöflich oder aggressiv wirken möchte.

MusikBlog: Denkst du, dass Frauen für diese Verhaltensweise anfälliger sind als Männer?

Denai Moore: Zu 100 Prozent. Ich habe mich selbst schon oft in solchen Situationen wiedergefunden, dass ich klar „Nein“ gesagt habe und jemand mich umstimmen wollte. Auch bei Aufnahmesessions, bei denen ich deutlich gesagt habe, wie ich möchte, dass der Song sich anhört und der Produzent dann meinte, ich sei zu penetrant und mir so das Gefühl vermittelte, ich solle von meiner Meinung abweichen oder mich entschuldigen.

Dabei war die Realität einfach, dass ich ganz klare Vorstellungen vom Sound hatte. Gerade bei Frauen, die wissen, was sie wollen und keine Scheu davor haben, das zu sagen, beeinflusst das oft, wie Menschen mit ihnen umgehen. Dann heißt es ganz schnell: „Mit der ist das Arbeiten schwierig.“ Ich war oft in dieser Position und ich muss mich bis heute in diesen Momenten daran erinnern, dass ich mich nicht entschuldigen muss.

MusikBlog: Wenn du dir die aktuellen Krisen anschaust; hast du das Gefühl, die Politiker versuchen, sich mit falschen Entschuldigungen davon zu stehlen?

Denai Moore: Definitiv. Das Gute ist aber, dass einige Menschen auch hinter die gut formulierten Pressestatements blicken und deren inhaltliche Leere erkennen. Viele Leute waren wegen Corona lange Zeit zu Hause und nicht von der Arbeit abgelenkt und hatten so mehr Zeit, sich mit unserem System und unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wie kann es beispielsweise sein, dass manche Teile der Gesellschaft so stark finanziell gefördert werden und andere – wie beispielsweise Kultur – kaum?

All das sind Konversationen, die endlich geführt werden müssen. Es ist interessant zu sehen, was passiert, wenn die Wirtschaft plötzlich stillsteht und wir keine kapitalistisch geprägte Gesellschaft mehr sein können. So verrückt und schlimm das alles ist, es war nötig, dass so etwas passiert, damit diese Gesellschaftsstrukturen endlich verändert werden.

MusikBlog: Der Wunsch nach veränderten Gesellschaftsstrukturen ist auch ein Thema, das im Hinblick auf die Black-Lives-Matter-Bewegung eine große Rolle spielt.

Denai Moore: Ja. Ich versuche, meine eigene Plattform als Künstlerin dazu zu nutzen, um People of Colour, beispielsweise andere Musiker oder Designer, zu unterstützen. Es spielt aber auch eine wichtige Rolle, den Menschen beispielsweise aufzuzeigen, welche Petitionen sinnvoll sind. Viele haben das Gefühl, dass sie ohne Geld keinen wirklichen Unterschied bewirken können. Aber das stimmt nicht. Das sieht man gerade in Amerika, wo die unterschriebenen Petitionen und die vielen Menschen, die zu Protesten auf die Straße gehen, so viel Veränderungen bewirkt haben.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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