Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages
The Microphones (Credit Harmony Gerber/WireImage)

The Microphones – Microphones In 2020

Bei manchen Menschen muss man sich fragen, ob ihr Tag mehr als 24 Stunden hat. Einer von ihnen ist Phil Elverum, seines Zeichens kauzig-kreativer Allrounder, der vor allem dafür bekannt ist, als Mount Eerie und The Microphones am laufenden Band Musik zu teilen, die bis ins Mark geht.

Nebenher findet er irgendwie noch die Zeit, Zeichnungen, Fotografien und Bücher zu veröffentlichen, andere Independent Musiker*innen zu produzieren und sein eigenes Label P.W. Elverum & Sun zu führen.

Jetzt ist auf diesem mit „Microphones In 2020“ ein weiteres musikalisches Werk seiner umfangreichen Karriere erschienen. Die Platte besteht aus nur einem Song, der sich über stolze 45 Minuten erstreckt und mag nicht nur aus diesem Grund verwirren.

Das Ganze ist so minimalistisch, dass man sich fragen kann, ob das überhaupt noch als Musik durchgeht, obwohl Elverum mehr als einmal bewiesen hat, dass er auch zu klanglichem Bombast fähig ist – beispielsweise auf dem großartigen, von Black-Metal beeinflussten „Wind’s Poem“.

Aber Elverum war schon immer ein Mann der Veränderung: Das Projekt The Microphones fand sein Ende, ab 2005 veröffentlichte er als Mount Eerie und klapperte damit diverse Genres ab.

Nun reanimiert er seinen alten Namen und blickt auf „Microphones In 2020“ auf genau diese Ära zurück und analysiert sie, über anderthalb Jahrzehnte älter und reifer.

Wie schon unter anderem auf dem vielbeachteten „A Crow Looked At Me“, auf welchem er den überraschenden Tod seiner Frau verarbeitete, sind Elverums Worte auch auf der neuen Platte ungeschliffen und nicht gereimt, klingen eher wie ein autobiografischer Monolog als wie ein tatsächlicher Songtext.

Das lässt wenig Platz für Metaphern, dafür umso mehr Raum für direkte, ungefilterte Ehrlichkeit, die sich auch im Musikalischen zeigt. Nach acht Minuten setzt erstmals Gesang ein, im Verlauf des Songs driftet dieser immer wieder fast in ein normales Sprechen ab.

Die Gitarrenmelodie ist simpel, andere Instrumente und Sound-Texturen bauen sich auf, überlagern für einen kurzen Moment alles, klingen dann wieder ab.

Zugegebenermaßen ist das Album daher – musikalisch gesehen – weder das anspruchsvollste noch das zugänglichste, das Elverum je veröffentlicht hat. Für Menschen, die nie zuvor von ihm gehört haben, klingt es wahrscheinlich sogar schlicht nach purer Faulheit.

Dabei liegt der Charme von „Microphones In 2020“ einfach anderswo. Vom Künstler selbst wird es auf YouTube als „powerpoint karaoke slideshow / lyric demonstration / music display / photo flip / audio book“ beschrieben.

Die neuste Veröffentlichung ist gleichzeitig mehr und weniger als ein bloßes Album, muss interdisziplinärer gedacht werden. Und genau das macht sie erst interessant.

Wer eine klassische LP erwartet, wird richtig enttäuscht sein. Wer den Künstler nicht kennt, mag mit dem Kopf schütteln und sich fragen, was das Ganze soll und ob das wirklich alles ist, was er drauf hat.

Wer aber über das Œuvre von Elverum schon Bescheid weiß und sich im Klaren darüber ist, dass dieser auf ungeschriebene Regeln der Musikindustrie pfeift, oder wer bereit ist, sich auf etwas Unkonventionelles einzulassen, wird bei „Microphones In 2020“ mit einem experimentellen Gesamtkunstwerk belohnt.

Schreibe einen Kommentar