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Chilly Gonzales (Credit Katharina Raskob/MusikBlog)
Chilly Gonzales (Credit Katharina Raskob/MusikBlog)

Chilly Gonzales – Live im Tanzbrunnen, Köln

„Music is back, Baby!“ proklamiert Chilly Gonzales euphorisch am gestrigen Montagabend und spricht damit den knapp tausend Zuschauern im Kölner Tanzbrunnen aus der Seele.

„Für wen ist heute das erste Konzert seit sechs Monaten?“, fragt Gonzales nach seinen ersten drei Solo-Songs am Piano. Fast alle Zuschauer heben ihre Hand.

Zugegeben, die Situation ist zunächst äußerst ungewohnt. Vor dem Einlass muss jeder Gast ein Formular mit Kontaktdaten zu Rückverfolgungszwecken abgeben. Bis zum Sitzplatz muss Mund-Nasenschutz getragen werden und per Durchsage wird das Mitsingen ausdrücklich untersagt.

Bei fast schon herbstlichen Temperaturen fangen die ersten Zuschauer, die brav an ihren Plätzen sitzen, aufgrund mangelnder Bewegung und ungewöhnlich viel Platz an, bereits nach wenigen Minuten ihre Jacken etwas enger zu schnüren.

Aber die ungewohnte Kulisse bietet auch Raum für schöne Überraschungen. Neben den grünen Papageien, die wie selbstverständlich in die ruhigen Klänge von Gonzales‘ Pianowerken mit einstimmen, funktioniert auch das Rauschen des Windes in den Baumkronen als Verstärker der sphärischen Klänge.

Aber wer Chilly Gonzales kennt, weiß, dass dieses Opening nur die Ruhe vor dem Sturm ist.

„In Zeiten der Quarantäne ist mir bei den Facetime-Sessions mit Stella Le Page (die Cellistin, Anm. d. Red.) bewusst geworden, wie weit unsere Technik schon ist. Ich habe mein Team also gebeten, mir den neusten Scheiß in Sachen Musik zu besorgen, damit ich mich weniger alleine fühle“, sagt Gonzales.

Daraufhin packt er ein altes Casio-Keyboard aus und spielt sich mit allerhand Hingabe durch die verschiedenen Sounds.

Während sich zum Rocky-Soundtrack mit blechernen Trompeten die meisten Zuschauer noch zurückhalten können, folgt Sekunden später zur funky Baseline von „Another One Bites The Dust“ rhythmisches Geklatsche:

„Ich hatte vergessen, wie einfach man euch manipulieren kann“, lacht Chilli Gonzales, bevor er sich zu „Supervillain Music“ vom charmanten Pianisten zu seinem rappenden Alter Ego verwandelt, das „Slavic“ mit „Pollysyllabic“ reimt, als wäre es das Naheliegenste der Welt.

„Wisst ihr, was ich auch vermisst habe die letzten sechs Monate? Diese kleinen Momente des Fremdschämens. Ihr wisst nicht, was als nächstes passiert. Und ich auch nicht. Das habe ich am meisten vermisst“.

Zum nächsten Song gesellt sich neben Cellistin Stella Le Page auch Schlagzeuger Joe Flory auf die Bühne und jetzt passiert laut Gonzales‘ eigener Aussage folgendes: „Wir jazzen“.

Das Finale des regulären Sets bildet „Smothered Mate“, bei dem sich die drei Musiker in Rage spielen und soweit headbangen, wie es ihr Instrument eben zulässt.

Zur Zugabe gibt es dank Publikumsvoting einen erneuten Auftritt des Casios zu „Futuristic Ain’t Shit To Me“.

„Haben auch alle Desinfektionsmittel mit? Wie ihr wisst, liebe ich das Crowdsurfen und wir haben eine Corona-konforme Variante gefunden“, erklärt Gonzales anschließend.

Während manche verwunderte Blicke tauschen, stimmt Gonzales „Never Stop“ an und fordert mit einer einfachen Geste zwischendurch alle zum Desinfizieren ihrer Hände auf.

Kurz darauf wirft er natürlich nicht sich selbst, sondern eine maßstabgetreue Chilly-Gonzales-Puppe – stilecht im Bademantel – in die Menge, die es mit ein wenig Verlust des Brusthaares pünktlich zum Ende der musikalischen Eskalation am Casio wieder zurück auf die Bühne schafft.

Aber selbst nach „Take Me To Broadway” ist noch nicht Schluss, und Gonzales und seine beiden Mitmusiker betreten die Bühne zu einer zweiten Zugabe.

„Es ist so schön, diesen Sommer so zu beenden. Denn das war ein merkwürdiger Sommer. Ohne Leichtigkeit. Sommerhits haben sich nicht angehört wie sonst. Und in Gedenken an den Sommer, den wir hätten haben können, aber nicht hatten, spiele ich euch diesen Song.“ Es folgt ein dramatisches Cover von Bryan Adams‘ „Summer Of 69“ mit Streichern und in Moll.

„I guess nothin‘ can last forever”- wer hätte gedacht, dass Chilly Gonzales es sogar schafft, dass man in Songzeilen von Bryan Adams Trost findet. Music is back, Baby. Aber sowas von.

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