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Travis (Credit Ryan Johnston)

Es passiert einfach – Travis im Interview

Vier Jahre nach ihrem letzten Studio-Output „Everything At Once“ melden sich die Travis-Verantwortlichen Fran Healy (Gesang & Gitarre), Andy Dunlop (Gitarre), Dougie Payne (Bass) und Neil Primrose (Schlagzeug) endlich wieder mit einem neuen Longplayer zurück. „10 Songs„, so der Titel des neuen Schaffens, präsentiert so ziemlich alles, was die Band aus Glasgow zum Ende des vergangenen Millenniums zu den ganz Großen der Branche werden ließ.

Egal ob balladesk oder schunkelnd: „10 Songs“ beeindruckt mit Ohrwürmern für jede Alltagslage. Wir trafen uns mit Band-Aushängeschild und Frontmann Fran Healy zum Interview und sprachen über emotionslose Massenware, den Schlüssel zur ewigen Harmonie und deutsche Weihnachtsmärkte.

MusikBlog: Fran, euer neues Album kommt titeltechnisch geradewegs auf den Punkt. Gewollt? Oder ist es eher das Ergebnis eines gescheiterten Findungsprozesses?

Fran Healey: (lacht) Irgendwie beides. Ich hatte eigentlich schon einige mögliche Titel zur Auswahl. Aber so richtig hängenblieben wollte keiner. Ich könnte dir heute nicht mal mehr einen dieser Kandidaten nennen. Das sagt doch schon alles. Ich weiß noch, dass ich zu der Zeit gerade mit dem Cover-Artwork beschäftigt war. Und da hatte ich permanent die Trackliste vor Augen. Ich sah also diese zehn Songs, immer und immer wieder. Irgendwann hab ich mir dann gedacht: Treffender geht’s nicht. Außerdem ist es ein pures und radikales Statement.

MusikBlog: Ein Statement für was?

Fran Healy: Ein Statement für den Song an sich. Ich finde, dass heutzutage kaum noch echte Songs veröffentlich werden, sondern nur noch massentaugliche Produzentenware. Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber der Großteil der Songs im Radio berührt mich überhaupt nicht.

MusikBlog: Woran liegt das?

Fran Healey: Früher waren die Produzenten die kleinsten Lichter. Geld verdient haben andere. Heute ist es andersrum. Versteh mich nicht falsch. Ich habe in meinem Leben schon mit zig Produzenten zusammengearbeitet. Das waren allesamt großartige Künstler, die in ihrem Bereich Tolles geleistet haben. Das Schreiben von Songs sollte man aber den Songwritern überlassen. Mit unserem neuen Albumtitel will ich auch ein bisschen vorneweg marschieren, als waschechter Songwriter für den Erhalt eines Werkzeugs, mit dem nicht jeder umgehen kann. (lacht)

MusikBlog: Ich bin auf deiner Seite. Man merkt einfach, dass da Leute am Werk waren, die ihr Handwerk verstehen.

Fran Healey: Vielen Dank. Weißt du, ich denke, dass der Schlüssel ein ganz simpler ist. Wir haben jetzt vier Jahre gebraucht, um zehn Songs auszuwählen und aufzunehmen. Wenn man diese Zeitspanne in ein Distanzverhältnis umwandelt, dann ist es ungefähr so, als würde man aus 5.000 Metern versuchen, ins Bullseye zu schießen.

Das klingt erst einmal ziemlich unmöglich, oder? Aber wenn man sich die Zeit nimmt, dann bekommt man ein Gefühl für die Situation. Bei uns ist es so, dass wir schon lange nichts mehr konzeptionell planen. Bei uns passieren die Dinge einfach. Und wir lassen uns eben die Zeit, die es braucht, um am Ende mit allem zufrieden zu sein. Zeit ist der Schlüssel.

MusikBlog: Ist Zeit auch der Schlüssel, wenn es in Richtung Inhalte geht?

Fran Healy: Ja, auf jeden Fall. Normalerweise spiele ich irgendwas auf der Gitarre. Dann habe ich irgendwann drei Akkorde und eine Melodie und frage mich: Klingt das Ende der Melodie nach „door“ oder „more“, oder eher nach „four“? Und dann, wenn das musikalische Gesamtbild fertig ist, hat man ihn dann in der Schublade: Den nächsten Song über die Liebe, oder aber den nächsten Song, bei dem es um etwas anderes geht. Es passiert einfach. Musik passiert. Texte passieren.

MusikBlog: Momentan „passiert“ auch ganz viel Corona-Mist.

Fran Healy: Das ist schon eine ziemlich verrückte Zeit. Aber gut, wir hatten das Album glücklicherweise schon vor der Pandemie nahezu komplett im Kasten. Und danach war ich dauerbeschäftigt. Ich habe mich ums Coverartwork gekümmert. Ich habe via Telefon die letzten Produktionsprozesse abgeschlossen. Und ich habe Videos gedreht. Eigentlich war alles wie immer. (lacht)

MusikBlog: Immer ist ein gutes Stichwort. Ihr seid jetzt seit über einem Vierteljahrhundert als Band unterwegs. Fühlt es sich auch so lang an?

Fran Healy: Das ist schwer zu beantworten. Manchmal schau ich in die Augen meines Sohnes und denke mir: Wow, du hast einen 14-jährigen Sohn! Als er auf die Welt kam, gab es die Band schon zehn Jahre. Das ist dann ziemlich krass. Es gibt aber auch Momente, in denen es sich so anfühlt, als gäbe es die Band und all die damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnisse noch nicht so lange. Es ist irgendwie ein Hin und Her. Ziemlich verwirrend manchmal. Aber egal, wie es sich anfühlt, es fühlt sich immer gut an.

MusikBlog: Woran liegt das? Warum fühlt sich das große Ganze immer noch so gut an?

Fran Healy: Wir lassen uns den Raum, den wir brauchen. Wenn wir als Band zusammenkommen, dann sind wir eine Einheit. Wenn es aber keine Band-Dinge zu tun oder zu besprechen gibt, dann geht jeder seinen eigenen Weg. Das verbindet uns ungemein, auch wenn es vielleicht komisch klingt. Aber genau das ist das Geheimnis, warum es sich auch nach über 25 Jahren immer noch so gut anfühlt.

MusikBlog: Berlin war viele Jahre ein Teil von Travis. Du und deine Frau, ihr habt lange in Deutschland gelebt. Jetzt lebt ihr in Kalifornien.

Fran Healy: Ja, wir haben vor einigen Jahren in Kalifornien unseren Sommerurlaub verbracht. Dort haben wir auch eine Schule besucht, die einen „Tag der offenen Tür“ veranstaltet hat. Naja, das war, kurz bevor unser Sohn schulpflichtig wurde. Die Schule hat uns umgehauen. Wir haben dann einfach beschlossen, den Moment als Zeichen zu sehen. Kurz danach sind wir umgezogen.

MusikBlog: Ich hab mal gelesen, dass „Glühbirne“ dein deutsches Lieblingswort ist. Klärst du uns auf?

Fran Healy: Es gibt so viele schöne Dinge, die ich in meiner Zeit in Berlin erlebt habe, die nicht so richtig zum dem Bild passen, das man den Deutschen gerne zur Seite stellt. Dazu gehört auch der spielerische und unschuldige Umgang mit eurer Sprache. Das Wort „Glühbirne“ ist ein Paradebeispiel dafür. Berlin war eine tolle Zeit für uns. Ich vermisse die Weihnachtsmärkte und diese einzigartige Mixtur aus Tradition und Moderne. Deutschland ist stets am Puls der Zeit. Aber ihr legt auch viel Wert auf eure Traditionen. Das hat mir immer imponiert.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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