Die australischen Sample-Meister The Avalanches wollen unbedingt eine ganz normale Band sein und sind nach einem gefühlten Wimpernschlag (in ihrer eigenen Zeitrechnung gemessen) zurück mit noch mehr Samplekost vom Feinsten. Normal bleibt da relativ.

Treppenwitze wegen verschleppter Veröffentlichungen gibt es viele in der Musikgeschichte. Tool brauchten 13 Jahre für den Nachfolger zu „10.000 Days“, Guns N’ Roses schlappe 15, bis sie „Chinese Democracy“ fertig hatten.

The Avalanches jedoch toppten nahezu alles, als sie mit „Wildflowers“ ebenfalls 15 Jahre auf sich warten ließen. Der kleine, aber feine Unterschied: Nach „The Spaghetti Incident“ hat niemand mehr auf ein Guns N‘ Roses Album gewartet. Und nein, es hätte „Chinese Democracy“ auch nicht gebraucht.

2001 hatte ein Kollektiv aus Melbourne jedoch unter der Flagge The Avalanches mit „Since I Left You“ ein solch delikates Erstlingswerk zwischen Soul und Hip-Hop, French House und Jazz serviert, dass die smooth groovende Community unaufhörlich nach Nachschub lechzte, der nie kam.

Ein Album wie ein luzider Tagtraum, der dann 15 Jahre andauerte, bis er von „Wildflowers“ 2016 in die Realität und die geschäftige Stadt gezogen wurde. Nur vier Jahre später sitzen The Avalanches mit „We Will Always Love You“ nun unterm Sternenhimmel und sampeln in „Interstellar Love“ mal eben lässig den Alan Parson’s Project Klassiker „Eye In The Sky“.

In erschlagenden 25 Titel in 72 Minuten versucht die Band, die inzwischen zum Duo geschrumpft ist, die Weite des Kosmos’ zu bannen. Das Album wurde Berichten zufolge von der Romanze zwischen den Wissenschaftlern Ann Druyan und Carl Sagan inspiriert, die versuchten, die menschliche Erfahrung auf zwei goldenen Schallplatten festzuhalten, die 1977 in den Weltraum geschossen wurden.

Es handelte sich dabei um Mixtapes, die alles enthielten: von Beethoven über Navajo-Gesänge bis hin zu einer Aufnahme von Druyans Gehirnströmen, während sie über “das Wunder der Liebe, des Verliebtseins” nachdachte.

Dieser Inspiration folgend, stellen The Avalanches eine unglaubliche Reihe an Gastsängern für „I Will Always Love You“ auf die Beinen: Von Karen O, Kurt Vile und Leon Bridges bis Johnny Marr und Perry Farrell. Sie alle, und noch mehr, singen zu schemenhaften Trip-Hop-Backbeats und interstellaren Keyboards.

Dev Hynes‘ Stimme mischt sich mit den Samples von Smokey Robinson. Das klingt wie eine Begegnung mit Außerirdischen. MGMT und Johnny Marr geleiten in die psychedelische Disko, wo dann gespenstischer Soul mit Leon Bridges oder außerweltlicher Rap mit Denzel Curry wartet, und schließlich ätherischer Folk mit Kurt Vile den Laden dicht macht.

Dass sie dafür nur vier Jahre gebaucht haben, liegt auch an den bandinternen Veränderungen der jüngsten Vergangenheit. Robbie Chater, eines von zwei verbliebenen Mitgliedern, kam Anfang 2017 in eine Entzugsklinik und wurde trocken.

In Interviews klingt er und sein Partner Di Blasi nicht nur darüber erfreut. Beide zeigen sich auch erleichtert, von den generell außergewöhnlichen Umständen der Avalanches befreit zu sein.

“Jetzt sind wir eine ganz normale Band und nicht mehr die Band, die ein erstaunliches Debüt gab, von dem alle sprechen”, sagte Chater gegenüber NME. Wenn sie meinen.

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