Es gibt Dinge, die ich gerne auslöschen würde – Ben Howard im Interview

Ben Howard ist schwer zu fassen. Den Singer/Songwriter-Pop seines Debüts “Every Kingdom” mit zugehörigem Surfer-Image hat der gebürtige Engländer schon vor Jahren hinter sich gelassen. Gerade Fans dieser ersten Stunde verließen Konzerte oft zutiefst enttäuscht, spielte Howard doch knallhart keinen einzigen Song seines Debütalbums, sondern verlor sich stattdessen in den musikalischen Tiefen seiner Nachfolgealben. Mit „Collections Of A Whiteout“ erscheint nun die vierte Platte des Engländers, auf der er sich so facettenreich wie nie zuvor präsentiert. Pünktlich zum Release trafen wir uns mit Ben Howard vor dem Bildschirm und sprachen über das Vermeiden von Routinen, andauernde Ahnungslosigkeit und den Fluch des konstanten Zweifelns.

MusikBlog: Ben, dein neues Album heißt „Collections From The Whiteout”. Eine Referenz an die andauernde Pandemie?

Ben Howard: Nein. Aber vielleicht doch. Es war zumindest keine beabsichtige Referenz, denn der Titel stand bereits vor der Pandemie fest. Aber wer weiß, vielleicht habe ich es unterbewusst alles kommen sehen. (lacht) Es ist lustig, denn mittlerweile haben mich schon viele Leute nach einem Zusammenhang gefragt. Dabei ist „Whiteout“ so ein seltsames Wort. Mich würde interessieren; wie übersetzt man das auf Deutsch?

MusikBlog: Es gibt zwei Bedeutungen: Korrekturflüssigkeit oder ein meteorologisches Phänomen, bei dem es zu einer starken Kontrastverringerung kommt, wodurch der Horizont verschwindet.

Ben Howard: Dann passt eher die Korrekturflüssigkeit. Es gibt Dinge, die ich gerne auslöschen würde. Bei dem Albumtitel geht es mir zu Teilen darum, dass wir alle nach Ruhe und Frieden suchen und die ganzen Umgebungsgeräusche stummschalten wollen. Wir haben diesen ganzen Lärm immer näher an uns gebracht, so dass wir mittlerweile gar nicht mehr ohne leben können. In erster Linie ging es also darum, diesen unnötigen Krach, den wir uns selbst eingebrockt haben und der uns täglich umgibt, auszuschalten.

MusikBlog: Wie gelingt dir das?

Ben Howard: Gar nicht. (lacht) Das ist genau die Sache, wir versagen ständig, aber man muss es weiter versuchen. In letzter Zeit habe ich zusammen mit meinem Vater Türen gebaut und mir ein paar Tischler-Kniffe draufgeschafft. Das hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich liebe solche einfachen Arbeiten. Das ist der große Unterschied zum Musikmachen, denn man sieht sofort ein Resultat. Wenn ich körperlich statt zerebral arbeite, hilft es mir meinen Kopf auszuschalten. Würde ich all meine Zeit mit Musikmachen verbringen, würde ich verrückt werden. Ich glaube, das ist die Jobbeschreibung eines Songwriters: Konstant versuchen, den Wahnsinn fernhalten.

MusikBlog: Zum ersten Mal in deiner Karriere hast du mit externen Musikern zusammengearbeitet. Warum?   

Ben Howard: Richtig, ich habe viel mit Aaron Dessner zusammengearbeitet, da liegt die Antwort zum Warum auf der Hand: Er ist einfach brillant. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, habe ich die Gelegenheit sofort ergriffen. Er ist ein toller Mensch und ich mag seine Musik sehr gerne. Wir hatten eine großartige Zeit, als wir dieses Album gemacht haben.

MusikBlog: Hat sich der kreative Prozess dadurch verändert?

Ben Howard: Nicht immens. Der kreative Prozess war für mich schon immer gleich. Was allerdings anders war, ist, dass ich plötzlich das Selbstvertrauen hatte, alle Ideen und Fragmente zu erforschen, ohne dass jemand – oder auch ich selbst – ständig ein nörgelndes Fragezeichen dahinter setzt. Wir haben uns in unserer kleinen, komischen Welt sehr sicher gefühlt. Und wo neun von zehn Leuten gesagt hätten: „Was zur Hölle spielst du da? Das klingt fürchterlich“, war bei uns die Reaktion: „Das ist verdammt cool – warum nimmst du das nicht auf?“

 MusikBlog: Hast du dich aufgrund dieser Reaktionen deines Umfeldes selbst weniger hinterfragt?

Ben Howard: Ja, definitiv weniger als sonst. Es war angenehm, nicht alle Entscheidungen alleine treffen zu müssen. Musikmachen ist ein konstanter Fluch des Zweifelns: Warum habe ich meine Gitarre so gestimmt? Wieso habe ich mich für diese Tonart entschieden? Ist das die richtige Melodie? Macht der ganze Song vielleicht überhaupt keinen Sinn? Wenn man diese konstanten Fragen abstellen kann, ist das sehr befreiend.

MusikBlog: Und deine langjährigen Bandkollegen hatten kein Problem mit dem Zuwachs in der Ben-Howard-Familie?

Ben Howard: Doch, die hassen mich jetzt alle und keiner spricht mehr mit mir. Ich habe meine Band verloren. (lacht) Nein, zum Glück nicht. Ich bin wirklich gesegnet mit meiner Band und wir sind weiterhin beste Freunde. Wir unterstützen uns gegenseitig in unseren Vorhaben, denn jeder hat seine eigenen Projekte, die er verfolgt.

MusikBlog: Um das Album aufzunehmen, hast du viel Zeit in New York verbracht. Du bist in Devon aufgewachsen, hast jahrelang in Paris gelebt und wohnst mittlerweile auf Ibiza. Wo fühlst du dich am ehesten zu Hause?

Ben Howard: Mein Naturell ist transient. Ich fühle mich am wohlsten in diesem Zustand der Bewegung. Als ich in Frankreich gelebt habe, habe ich beispielsweise nie Französisch gelernt. Ich saß also ständig verloren mit meinem Jean-Paul Sartre unterm Arm irgendwo rum und habe nichts verstanden. Aber das habe ich auch genossen.

MusikBlog: Was magst du an diesem Zustand?

Ben Howard: Es geht eher darum, was ich nicht mag. Ich hasse Routinen. Ich verstehe zwar deren Wichtigkeit, aber ich versuche es konstant zu vermeiden, in welche zu verfallen. Andererseits verbringt man sein Leben damit, Klischees zu vermeiden und das wiederum ist ebenfalls ein Klischee. Vor allem in letzter Zeit ist es eigentlich unmöglich, Routinen zu vermeiden. Also tut man eben das, was alle tun und fängt plötzlich an, Schach zu spielen. (lacht)

Wie die ganze Welt habe ich mir auch diese Netflix-Serie (gemeint ist offenbar “The Queen’s Gambit”, die Red.) angeguckt und bin seitdem süchtig. Meine Routine mittlerweile ist also gegen den Computer zu spielen, der natürlich viel besser ist als ich und ständig gewinnt. Es ist wirklich deprimierend. Ich stehe morgens auf, verliere gegen den Computer und denke mir: „Verdammt“ und lege mich einfach sofort wieder ins Bett. (lacht)

MusikBlog: Grade lebst du auf Ibiza. Bist du dort auch nur auf der Durchreise?

Ben Howard: Wer weiß das schon? Aber in Spanien habe ich mich zum ersten Mal auch mit der Sprache auseinandergesetzt und das war ein interessanter Prozess, denn man entwickelt ein ganz anderes Verständnis für die eigene Sprache und realisiert, wie sehr Sprache auch Kultur transportiert. Bis dahin war ich einer dieser klassischen, ignoranten Briten, die nie die Notwendigkeit gesehen haben, eine andere Sprache lernen zu müssen. Ganz Europa ist gut gut darin, außer Großbritannien. Die Engländer sind einfach faul, das ist Fakt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen.

MusikBlog: Du wohnst dort im gleichen Ort, in dem dein Großvater in den Sechzigern eine Jazzbar eröffnet hat. Magst du Nostalgie?

Ben Howard: Klar, ich bin ein ziemlich sensibler Kerl. Suchen wir nicht alle immer nach diesem kleinen Funken Nostalgie? Es ist einfach ein schönes Gefühl. Ich glaube, darauf beziehe ich mich mit dem Titel „Collections Of A Whiteout“ auch. Irgendwie fühlt sich „Whiteout“ nach einem nostalgisch aufgeladenen Wort an. Auch wenn es vielleicht in deiner Sprache „nur“ eine Referenz für ein Wetterphänomen ist. (lacht)

MusikBlog: In deinem Pressetext zur neuen Platte sagst du, dass du zum ersten Mal in deiner Karriere das Gefühl hast, zu verstehen was du tust.

Ben Howard: Das ist eine Lüge. Das ist einfach eine Lüge. Ich dachte genau zehn Minuten lang, ich wüsste, was ich tue. Aber mittlerweile habe ich meine Meinung wieder geändert. Ich muss das unbedingt umschreiben lassen.

MusikBlog: Wenn auch nur für zehn Minuten: Wodurch wurde dieses Gefühl ausgelöst?

Ben Howard: Puh, ich weiß es nicht. Offensichtlich hatte ich ziemlich gute Laune, als ich das gesagt habe. (lacht) Ich hatte auf jeden Fall großen Spaß, dieses Album zu machen. Vielleicht würde das es eher auf den Punkt bringen. Ich fühle mich definitiv nicht, als hätte ich mit diesem Album das Handwerk des Songwriters gemeistert.

MusikBlog: Seit deinem Debüt sind zehn Jahre vergangen. Gibt es denn einzelne Dinge, die du im Vergleich zum Start deiner Karriere mittlerweile gemeistert hast?

Ben Howard: Ich habe meine 10.000 Stunden in dieser Profession abgeleistet, also müsste ich theoretisch ein Profi sein. Aber die Sache an sich ändert sich eben konstant. Das macht den Reiz bei der Musik aus. Man weiß nie wirklich, wo man gerade steht, man macht einfach immer weiter, schreibt Songs, Alben und wartet ab, in welche Schublade die Menschen einen damit stecken und ob man sich selbst auch dort verortet. Zwischendurch hat man diese kleinen Momente, in denen man glaubt zu verstehen, was man tut und man sollte sie genießen, denn man wird immer eines Besseren belehrt. Und zwei, drei Jahre später realisiert man, dass man verdammt nochmal gar keine Ahnung hatte und fängt wieder von vorne an.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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