Manchmal braucht es eine Pause, um all das, was mal war und vielleicht auch wieder werden könnte, Revue passieren zu lassen. Gernot Bronsert und Sebastian Szary, die zusammen das Duo Modeselektor formen, mussten im letzten Jahr, wie so ziemlich jede*r Künstler*in, einen Gang zurück schalten.

Grund genug, um auf “Extended” in wahrhaft ausgedehnter Form (27 Tracks!) all die Momente noch einmal nachzuerleben, die im letzten Jahr vielleicht wieder hochgekommen sein könnten.

Der Besuch beim Zahnarzt bohrt sich in “Dentist” naturgemäß ins Gedächtnis ein und den “Sekt um 12” traut man sowohl dem Duo als auch dem Publikum im Berghain gerne zu.

Viele “Tacken” und konsequenterweise dann auch viele “Stadtschlösser” hätten wir alle gern, was nur stellvertretend dafür steht, dass Modeselektor auch mit “Extended” wieder einmal denen die Tür zum Techno öffnen, die auch sonst keinen Sekt trinken, und wenn, dann erst Recht nicht im Berghain.

“Kupfer” spielt die Retronostalgie an, die momentan jeder Mensch und jedes Medium durchleben muss, zurückgezogen in die eigenen vier Wände und süchtig nach Relikten der eigenen Unbeschwertheit.

Viel Verzerrtes kulminiert in “Lockdown” in einer bedrückenden Stille, die mit bedrohlich prophethischem Pathos dem Urvater der obskuren Bedrohung und dem nennenswertesten H.P. nach Baxter und Kerkeling alle Ehre macht.

Lovecrafts Einfluss hat es mit “Cthulhu Drums” sogar explizit aufs Album geschafft! Im ersten Moment waren wir etwas enttäuscht, dass der Track nicht so klingt, als würde ein mehrarmiges Tentakelwesen auf kosmischen Trommeln seine Gefühle herauslassen.

Im zweiten macht die Enttäuschung der Begeisterung dafür Platz, dass Modeselektor mit “Extended” ganz beiläufig ein wirklich beeindruckendes Mixtape veröffentlicht haben, das ganz alltäglich beginnt und mit Dröhnen und fernem Klagen endet.

Wenn überhaupt, sorgt “Extended” nur für noch mehr Bock auf den gesamten Katalog des Duos, oder ist das auch nur die allgemeine Retronostalgie, die aus uns spricht? Nach so einem abwechslungsreichen und zukunftsgewandten Best-Of unveröffentlicher Tracks können wir feststellen:

Nein, es ist wirklich nur der Bock.

 

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