Da war ganz viel Ohnmacht und Unsicherheit – Lord Huron im Interview

Ein cineastisches Konzept, ein liebreizendes Duett und die Verschmelzung von Country, Rock und Folk: Die drei Eckpfeiler des neuen Studioschaffens aus dem Hause Lord Huron (“Long Lost“) versprechen beste Unterhaltung für retroeske Liebhaberstunden am offenen Lagerfeuer. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums trafen wir uns mit Sänger und Hauptsongwriter Ben Schneider zum Interview und sprachen über redselige Studiogeister und nostalgische Sounds.

MusikBlog: Ben, bevor wir über die Musik reden, reden wir über Spritzen. Wie sieht’s aus: Bist du schon geimpft?

Ben Schneider: Ja, das bin ich. Alle in meiner Familie sind schon geimpft. Da bin ich auch sehr froh drüber. Ich hatte glücklicherweise keinen Krankheitsfall in meinem näheren Umfeld. Weder in der Familie noch innerhalb der Band ist jemand erkrankt. Wir sind alle müde und erschöpft, aber niemand ist krank. Nur das zählt.

MusikBlog: Das zurückliegende Jahr war ziemlich heftig. Wie hast du die Zeit erlebt?

Ben Schneider: Nun, es war für alle schwer. Da war ganz viel Ohnmacht und Unsicherheit zu sehen und zu spüren. Mir ging es da wie allen anderen Leuten auch. Jetzt bin ich einfach nur happy, dass es wieder bergauf geht. Wenn es dann wirklich vorbei ist, hoffe ich, dass wir auch etwas mitnehmen. Es ist alles schon schlimm genug. Aber es hätte uns alle auch noch viel schlimmer treffen können.

MusikBlog: Momentan sieht es so aus, dass man eventuell ab Herbst oder Winter wieder mit Konzerten rechnen kann. Ihr hättet dann auch jede Menge neuer Songs mit am Start. Wann genau habt ihr mit den Arbeiten am neuen Album begonnen?

Ben Schneider: Wir haben mittlerweile einen Drei-Jahres-Rhythmus entwickelt. Das hat sich irgendwie so verfestigt. Die ersten Ideen für die Songs habe ich während der Tour zu unserem letzten Album festgehalten.

MusikBlog: Diesmal basiert das große Ganze auf einem Konzept, bei dem euer Aufnahmestudio (Whispering Pine Studios) und so manch fiktive Studiocharaktere im Mittelpunkt stehen. Wie kam es zu der Idee?

Ben Schneider: In diesem Studio arbeiten wir schon seit über sieben Jahren. Es ist so ein typisches Vintage-Studio aus den Siebzigern, das einen ganz besonderen Charme versprüht. Irgendwann haben wir versucht, herauszufinden, wer früher in dem Studio so ein und ausging. Da haben wir aber nicht viel rausgefunden. Wir haben uns dann irgendwann eigene Charaktere ausgedacht, und ich habe angefangen, aus deren Perspektive zu schreiben. Die Figuren hatten ihre eigenen Geschichten, und jeder war irgendwie mit dem Studio verbunden. Ich mag es, wenn ich beim Schreiben in eine andere Rolle schlüpfen kann. Diese veränderte Perspektive inspiriert mich ungemein.

MusikBlog: Ein gewisser Tubbs Tarbell spielt in dem Ganzen eine besondere Rolle.

Ben Schneider: Ja, Tubbs ist quasi der Produzent und auch der Labelinhaber. Er ist auch so eine Art Vaterfigur. Die Figur von Tubbs haben wir auch während unserer Lockdown-Livestreams mit in die Performances eingebunden. Tubbs hat die Songs angekündigt und seine Geschichten erzählt. Das war ziemlich cool.

MusikBlog: Neben der Story ist natürlich auch die Musik von Bedeutung. Was war euch diesmal in punkto Sounds besonders wichtig?

Ben Schneider: Wir wollten einen nostalgischen Vibe kreieren. Das war uns wichtig. Es ging uns dabei vor allem um das Transportieren von Emotionen. Wir wollten nicht einfach nur zurück in der Zeit. Wir wollten nichts imitieren. Alles sollte natürlich klingen, nicht aufgesetzt.

MusikBlog: Hat dich jemand beim Schreiben begleitet? Gab es einen bestimmten Einfluss von außen?

Ben Schneider: Ich weiß nicht. Ich höre eigentlich permanent Musik, egal ob ich gerade schreibe oder nicht. Vielleicht versteckt sich der Geist von Lee Hazelwood in manchen Songs.

MusikBlog: Mit Allison Ponthier habt ihr eine junge aufstrebende Songwriter-Kollegin mit an Bord. Wie kam es zu dem “I Lied”-Duett?

Ben Schneider: In dem Song geht es um einen Beziehungsdialog kurz vor dem Ende einer großen Liebe. Da bot es sich einfach an, über eine Duett-Partnerin nachzudenken. Ich hatte dann all die großen Country-Duette der Vergangenheit im Ohr, und als ich dann Allisons Stimme gehört habe, wusste ich, dass diese Konstellation perfekt passen würde.

MusikBlog: Wann gehst du als Künstler eigentlich am meisten auf? In welcher Schaffensphase fühlst du dich am wohlsten?

Ben Schneider: Es gibt unheimlich viele wichtige und schöne Momente. Wenn ich beispielsweise vor einer Show im Hotelzimmer noch schnell an einer neuen Songidee arbeite, und dann mit genau diesem Gefühl, dass da etwas heranwächst, auf die Bühne gehe, das hat schon was. Wenn ein Song vom Mix zurückkommt, und er alle Erwartungen übertrifft, oder wenn man einen neuen Song live performt, und die Leute sofort mit dabei sind: Das sind große Augenblicke für jeden Musiker.

MusikBlog: Bis es wieder zu magischen Live-Momenten kommt, müssen wir uns alle noch ein bisschen gedulden. Auf welcher Bühne stehst du am liebsten?

Ben Schneider: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass das auch immer vom jeweiligen Song abhängt. Es gibt Songs von uns, die machen am meisten Spaß, wenn es in einem kleinen Club so richtig eng und schwitzig wird. Andere Songs entfalten sich in einem Theater oder auf einer Festivalbühne am besten. Momentan ist es mir aber eigentlich egal. In der jetzigen Situation würde ich überall gerne spielen. (lacht)

MusikBlog: Ihr seid jetzt schon seit über zehn Jahren als Band unterwegs. In dieser Zeit habt ihr unzählige Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Highlights gibt es da bestimmt unzählige. Aber ist dir auch irgendein kurioser oder peinlicher Konzertmoment besonders in Erinnerung geblieben?

Ben Schneider: (lacht) Auf jeden Fall. Da muss ich sofort an eine Show denken, bei der wir einmalig einen großen Vorhang mit auf der Bühne hatten. Der war vor dem Konzert natürlich geschlossen. Wir wurden also ganz dramatisch angekündigt. Da war ein tolles Intro. Und dann sollte sich der Vorhang öffnen. Leider öffnete sich aber nur eine Seite. Die Hälfte der Band stand also im Dunkeln. Das war echt ziemlich peinlich. Aber wir haben schnell gelernt. Es war das erste und einzige Mal, dass wir einen Vorhang mit dabei hatten. Das ist uns danach nie wieder passiert.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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