Moritz Krämer – Die traurigen Hummer

Moritz Krämer, einer der besten Songschreiber dieses Landes, schafft mit seinem dritten Album einen heimeligen Mikrokosmos, in dem man sesshaft werden möchte.

Er gibt das gute Gewissen und ein alltagstaugliches Orakel mit wunderschönen Indie-Popsongs, die alles ausblenden, was Pop so unangenehm macht. Prätentiösität, Muskeln, Lack und Fassade. All das braucht Krämer nicht.

Das seltene Talent des Sängers von Die Höchste Eisenbahn liegt in seinen so geradeaus wie geistreichen Texten, in denen er die großen und kleinen Themen der alternativen Mitte adressiert.

Ob Versagensangst in „Auffliegen“,  Zukunftsangst in „Finster“, Stadtflucht  in „Jetzt“, oder der Optimierungs- und Leistungsdruck der Freizeitgesellschaft in „Rhythmus“. Immer bleibt er lyrisch und verständlich, immer auf Augenhöhe.

„Viele sind immer im Urlaub/ Viele schreiben ihren Roman/ Viele kriegen gerade Kinder, kommen endlich an / Viele laufen jeden Tag / Viele in Paris, für Prada / Viele kaufen Bitcoins / Ich lieg im Bett mit Kater“.

Ja, Krämer hat seinen niederschwelligen, immer zugänglichen Rhythmus gefunden, an den sich so herrlich andocken und mitfühlen lässt.

Musikalisch passiert hier alles, und doch nie all zu viel. Gitarre, Schlagzeug, Bass, ergänzt um Streicher, Xylophone, hier und da ein Synthesizer und Percussion-Instrument, so luftig arrangiert, dass die Songs häufig fröhlicher ausfallen, als es die Inhalte hergegeben hätten.

Und genau hier trifft Moritz Krämer wieder mitten hinein in die Lebensrealität. Nicht alles kommt zum Erliegen wegen Zukunftsängsten und Eitelkeitsphänomenen. Nicht alles wird ausgesondert, weil der Problemberg nervt. Dort, wo sich all das ansammelt, da ist das Leben.

Wo Leben ist, gibt es Kaffee, Küche, Herd. Und Zu Hause ist, wo Moritz Krämer läuft.

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