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Die Musik ist schon immer ein rettender Anker gewesen – Circuit Des Yeux im Interview

Mit ihrem neuen Studioalbum “-io” markiert die US-amerikanische Avantgarde-Musikerin Haley Fohr alias Circuit Des Yeux einen markanten Wendepunkt in ihrem Leben. Nach leidvollen privaten Erfahrungen, Monaten in Isolation und einer langanhaltenden Schreibblockade, ist es am Ende mal wieder die Musik, die aufräumt, ordnet, sortiert und alles zurück in die richtigen Bahnen lenkt. Wir trafen Haley kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums zum Interview und sprachen über dunkle Zeiten, schwierige Trauerarbeit und sinfonische Hilfestellung.

MusikBlog: Haley, du sitzt gerade in einem roten und orangen leuchtenden Ambiente, umringt von vielen Kerzen. Wo genau bist du?

Circuit Des Yeux: Ich befinde mich gerade in Chicago in meinem Poetry-Room. Hier bin ich kreativ. Hier kann ich ich sein und all meine Gedanken und Emotionen zu Papier bringen.

MusikBlog: Dich haben in den vergangenen Monaten unheimlich viele Emotionen und Gedanken begleitet, richtig?

Circuit Des Yeux: Ja, das kann man wohl so sagen. Ich habe keine einfache Zeit hinter mir. Ich meine, die ganze Welt leidet gerade. Aber es war schon wirklich hart. Ich habe viele Menschen verloren, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Corona hat Familienmitglieder aus dem Leben gerissen. Meine Großmutter ist zwischenzeitlich auch noch gestorben. Da waren so viele Verluste. Hinzu kam diese nicht enden wollende Isolation, die mir sehr zu schaffen gemacht hat.

MusikBlog: Corona nimmt nicht nur Leben. Corona verhindert auch jegliche Trauerarbeit.

Circuit Des Yeux: Genau das hat mich zusätzlich mürbe gemacht. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, mit meinen Freunden und Verwandten richtig zu trauern. Ich wollte mir dann all meine Trauer und meine Verzweiflung von der Seele schreiben. Aber auch das klappte erstmal nicht, da ich eine totale Schreibblockade hatte. Irgendwann hat mich die Musik aber dann befreien können.

MusikBlog: Demnach hat der Produktionsprozess für dein neues Album auch eine heilende Wirkung gehabt?

Circuit Des Yeux: Absolut. Meine Musik hatte schon immer einen therapeutischen Ansatz für mich. Ich hoffe natürlich, dass meine Songs auch anderen Menschen in ähnlichen Situationen helfen können. In meinem Fall ist die Musik schon immer ein rettender Anker in meinem Leben gewesen. Diesmal war sie besonders wichtig. Während der schwersten Stunden fühlte ich mich manchmal an meine Teenie-Zeit zurück erinnert. Als ich 17 war, litt ich unter schweren Depressionen. Ich wusste, dass mir das Songwriting bei der ganzen Verarbeitung helfen würde. Nach der Blockade habe ich dann viel geschrieben, sogar sehr, sehr viel.

MusikBlog: Musikalisch gibt es unheimlich viel zu entdecken auf deinem neuen Album. Was war dir diesmal in punkto Sounds besonders wichtig?

Circuit Des Yeux: Ich wollte ein sinfonischen Background schaffen mit echten Orchestersounds. Das war alles gar nicht so einfach, denn die Pandemie erlaubte mir immer nur mit maximal fünf Personen gleichzeitig im Studio zu arbeiten. Wir mussten also zwangsläufig viel umarrangieren, diskutieren und natürlich auch einige Kompromisse eingehen. Schlussendlich bin ich aber sehr, sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Für die Leute, die mich dabei unterstützt haben, war es auch nicht immer einfach. Zu der Zeit haben die meisten Musiker Soloalben unter DIY-Bedingungen rausgebracht. Mit so einer doch schon sehr umfangreichen Produktion geht man natürlich auch ein gewisses Risiko ein.

MusikBlog: Du hast die meisten neuen Songs diesmal nicht wie sonst auf der Gitarre, sondern auf der Orgel geschrieben. Wie kam es dazu?

Circuit Des Yeux: Ich war aufgrund der Depressionen diesmal einfach nicht in der Lage, mit der Gitarre so zu arbeiten, wie ich es gewohnt bin. Das stetige Tunen und die Art und Weise wie ich Gitarre spiele: Das hat diesmal irgendwie zu viel Kraft gekostet. Die Orgel hingegen stand einfach nur da und war allzeit bereit.

MusikBlog: Du hast vorhin all die vielen Musiker angesprochen, die mit involviert waren. Du schreibst deine Songs komplett alleine. Wie schwer fällt dir dann der Aufnahmeprozess, wenn du gezwungen wirst, auch mal ein bisschen Kontrolle abzugeben?

Circuit Des Yeux: Das ist in der Tat nicht immer einfach für mich. Ich würde sogar sagen, dass das für mich die größte Herausforderung ist. Natürlich will sich jeder einbringen, das ist ja ganz klar. Aber dieser Prozess des Loslassens, der fällt mir schon sehr schwer.

MusikBlog: Ist die Zeit der Entstehung und des Festhaltens die Zeit, die du am meisten genießt? Oder stehst du lieber auf der Bühne und präsentierst deine Songs live?

Circuit Des Yeux: Ich liebe den Moment, wenn sich etwas entwickelt. Wenn man merkt, dass da etwas Neues entsteht, das ist schon ein sehr schönes und befriedigendes Gefühl. Aber auf der anderen Seite stehe ich auch unheimlich gerne auf der Bühne und spiele meine Songs vor Publikum. Ich weiß beide Bereiche sehr zu schätzen.

MusikBlog: Im kommenden Frühjahr spielst du einige Shows in Europa. Was können wir von den Konzerten erwarten?

Circuit Des Yeux: Ich bin schon ganz aufgeregt, und ich bin so happy, dass wir diese ganzen Shows buchen konnten. Ich werde mit meiner Band und einem sechsköpfigen Orchester auftreten. Das wird bestimmt ganz wunderbar.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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