Frank Carter & The Rattlesnakes sind seit Jahren im Punk-Rock eine feste Institution. Seit ihrem Debütalbum “Blossom” aus dem Jahr 2015 füllten die vier Musiker aus dem englischen Hemel Hempstead unzählige Hallen rund um den Globus. Dass mit jedem weiteren Album die Hallen immer größer wurden, braucht man eigentlich nicht mehr erwähnen.

Nun erscheint mit “Sticky” das mittlerweile vierte Album, und dieses macht von der ersten Sekunde an Spaß. Der titelgebende Opener gibt in seiner Direktheit und Unmittelbarkeit, mit welcher er aus den Lautsprecherboxen dröhnt, preis, was wir von dem neuen Werk erwarten dürfen: Schmetternde und kurze Punk-Rock-Hymnen, in denen Frank Carter wie eine ungezähmte Naturgewalt klingt.

“What the fuck is wrong with me? / Kicking around at half past three in the morning / Horny / Got nowhere to sleep / At least I’m never boring.” – gelangweilt ist bei “Sticky” definitiv keiner. Weder Frank Carter noch wir!

Die ersten Highlights auf der neuen LP sind die Songs “Bang Bang” und “Go Get A Tattoo”, die in Zusammenarbeit mit dem Süd-Londoner-Künstler Lynks entstanden. Beide Lieder sind musikalisch eher untypisch für Frank Carter & The Rattlesnakes, aber in perfekter Harmonie mit Lynks zeigen sie deutlich, was für eine Genie Frank Carter doch sein kann.

Wirkt der Text von “Go Get A Tattoo” im ersten Moment noch sehr oberflächlich, so entwickelt sich dieser dann doch weiter und zu jener Momentaufnahme, als Großbritannien im März 2020 wegen der Covid19-Pandemie runtergefahren wurde.

Drückend, ergreifend und eindringlich – in guter alter Punk-Rock-Manier klingen beide Lieder fast wie eine SlavesIdles-Kooperation.

Frank Carter & The Rattlesnakes sind seit jeher bekannt für wilde Live-Shows und eine klare Haltung. Mit seiner vitalen Stimme wettert Frank Carter in seinen Songs gegen Ungerechtigkeit, rechtsgerichtete Politik und toxische Männlichkeit. Auch in „My Town“ zeigt sich der Musiker gesellschaftskritisch.

Der Song ist ein metaphorischer Blick auf die zerfallende kollektive mentale Gesundheit einer Nation nach einer Flut von Lockdowns und sozialer Isolation. Man stelle sich jede Person als Stadt mit ihren Bewohner*innen vor. Die Stadt repräsentiert dabei die geistige Stabilität und das Wohlbefinden eben dieser Person.

„Es ist einfach, sich zu distanzieren, wenn es das Problem von jemand anderem ist“, so Frank Carter über die neue Single. „Aber jeder von uns ist dafür verantwortlich, die Straßen sauber zu halten, auf seine Mitmenschen zu achten und mit Freundlichkeit und Respekt zu handeln, während wir durchs Leben gehen.”

„My Town“ entstand in Zusammenarbeit mit Joe Talbot, Frontmann der IDLES. Und schon beim ersten Hören spürt man die Harmonie und Sympathie, die beide Frontmänner füreinander haben.

Erstmals in der Karriere der Band wurde das Album “Sticky” von Gitarrist Dean Richardson produziert. Frank Carter und Dean Richardson liefern damit ein Resultat, welches das Duo als eine der wichtigsten Partnerschaften der britischen Rockmusik festigt.

“Take It To The Brink”, “Off With His Head” (in Zusammenarbeit mit Cassyette) oder “Cobra Queen” zeigen allesamt die Komponenten der neueren britischen Rock-Musik auf, die Bands wie Royal Blood oder Nothing But Thieves ganz oben mitspielen lassen.

Musikalische Verspieltheit und die Rückbesinnung auf Stilmittel aus den 70ern und 80ern. Hätte man zum Beispiel jemals gedacht, dass mehrstimmiger Gesang wie bei “Off With His Head” in einem Frank-Carter-Song Verwendung finden wird? Jetzt weiß man es besser.

Frank Carter & The Rattlesnakes und die 80er? Da gibt es aber bestimmt noch mehr? Richtig! Als krönenden Abschluss auf “Sticky” gibt es mit “Original Sin” nicht nur einen shoegazigen Track, sondern auch eine Kollaboration, die im Punk so schnell kaum einer überbieten kann:

Primal Scream-Frontmann Bobby Gillespie gibt sich die Ehre und trägt seinen Teil zu einem grandiosen Album bei. “Original Sin” ist treibend, ruhig, lebhaft und zugleich monoton – ein Song, der erst im Ganzen seinen vollen Glanz offenbart.

Es scheint, als wäre „Sticky“ die akustische Eruption der unterdrückten Energie des vergangenen Jahres. Eben diese Energie lassen Frank Carter & The Rattlesnakes nun in alter Punk-Manier heraus.

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