Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern – Efterklang im Interview

Jeder Sonnentag könnte der letzte sein. Deswegen sitzt Casper Clausen zum Interview auch nicht drinnen, sondern raucht vor seinem Handy im Grünen genüsslich eine Zigarette. Mit seiner Band Efterklang macht der Däne schon seit über 20 Jahren gemeinsam anspruchsvollen Indie-Rock. Ihr neues Album „Windflowers“ bildet da keine Ausnahme. Wir sprachen mit dem Frontmann über Unterschiedlichkeiten, Veränderungen und die Wichtigkeit des Ausdrückens.

MusikBlog: Casper, mit deiner Band Efterklang bist du mittlerweile im 21. Jahr deiner Karriere. Wie bringst du frischen Wind rein?

Casper Clausen: Einfach durch Leben, denke ich. Und durch Neugier in Sachen Sound, Musik, Kunst und Literatur. Natürlich auch dadurch, dass ich den Spaß an dem, was ich tue, nicht verliere.

MusikBlog: Fällt es dir leicht, neugierig zu bleiben?

Casper Clausen: Nicht immer. Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern. Es gibt Zeiten, da fühlt es sich für mich nicht so an, als wären die Sachen, die ich produziere, interessant. Ich fühle mich mit meinem Output nicht wohl. Wenn ich mich dann aber mit den Werken anderer Künstler beschäftige, hilft mir das, aus meiner eigenen Haut rauszukommen. Manchmal muss man zuhören anstatt zu sprechen. Ich versuche, die Einflüsse von außen zu absorbieren und herauszufinden, was sie in mir auslösen. Natürlich ändert sich der Input auch ständig. Ich höre heute nicht mehr das Gleiche, wie vor zehn Jahren.

MusikBlog: Euer neues Album heißt „Windflowers“. Erinnerst du dich daran, wann du die Blume zum ersten Mal gesehen hast?

Casper Clausen: Ich erinnere mich an keine konkrete Situation, sondern daran, dass meine Mutter meinte, dass das Windröschen den Frühling ankündigt, weil es die erste Blume ist, die in Dänemark nach dem Winter sprießt. Deswegen hat diese Blume für mich das Versprechen von Hoffnung und Veränderung. Mir gefällt diese Symbolik. Und als ich das Internet nach möglichen Albumtiteln durchsuchte und über diese Blume stoplerte, fügte sich plötzlich alles zusammen. Denn wir hatten für dieses Album kein Konzept und ich finde, dass diese Blume alles gut zusammenfasst. Wie ein Blumenbouquet, bei dem sich alles einfügt.

MusikBlog: Wie durchsucht man denn das Internet nach möglichen Albumtiteln?

Casper Clausen: Das funktioniert wie eine Assoziationskette. Ich hatte eine Unterhaltung mit einem Freund in Brüssel und wir sprachen über Blumen. Er zeigte mir einige, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Dann habe ich ein bisschen rumgegoogelt und eine Orchidee gefunden, die nur auf der Insel wächst, wo wir das Album aufgenommen hatten. Aber der Name war leider nicht so schön. (lacht)

Deswegen habe ich nach anderen Blumen gesucht und als ich über das Windröschen gestolpert bin, hat mich das sofort an meine Kindheit erinnert. Als ich dann ein bisschen dazu recherchiert habe, habe ich schnell festgestellt, dass die Symbolik total gut zu unserer Platte passt. Zum Glück waren meine Bandmitglieder der gleichen Meinung.

MusikBlog: Windröschen stehen für dich für Veränderung. Was waren die größten Veränderungen für euch als Band in den letzten Jahren?

Casper Clausen: Der tiefste Einschnitt war natürlich, dass wir durch die Pandemie plötzlich keine Konzerte spielen konnten. Wir mussten unsere US-Tour komplett absagen. Aber zum Glück leben wir in Dänemark und der Staat hat Künstler*innen finanziell sehr unterstützt, so dass wir weiterhin Musik machen konnten ohne vor finanziellen Problemen zu stehen. Wir sind uns bewusst, dass das eine sehr privilegierte Situation ist. Abgesehen davon ist natürlich eine große Veränderung, dass es mittlerweile Nachwuchs in der Efterklang-Familie gibt.

MusikBlog: Was war die größte Veränderung bezüglich dieses Albums?

Casper Clausen: Definitiv die künstlerische Freiheit. Bei den letzten Alben hatten wir oft vorher bereits ein Konzept im Kopf und haben versucht, die Musik dieser Idee zu unterwerfen. Bei „Windflowers“ war es genau umgekehrt. Wir drei haben uns einfach auf dieser Insel getroffen, Zeit miteinander verbracht und Musik gemacht. Wir haben sofort miteinander geteilt, was uns in den Momenten gerade in den Sinn kam. Der Prozess war viel kollektiver und wir haben nicht über die Musik nachgedacht.

MusikBlog: Habt ihr vorher über den Entstehungsprozess gesprochen?

Casper Clausen: Nein, das hat sich so ergeben. Das ist das Schöne daran, wenn man sich über 20 Jahre kennt. Manche Dinge müssen nicht ausgesprochen werden. Wir sind sehr gut darin, miteinander zu schweigen, denn wir fühlen uns sicher in unserer Gegenwart. Die Kehrseite davon ist, dass man sich manchmal gegenseitig daran erinnern muss, was man aneinander hat. Wir haben alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und kommen uns über die Jahre nicht näher, sondern entwickeln uns eher noch weiter auseinander. Deswegen ist es wichtig, dass man darüber spricht, was man an den anderen mag und wofür man sie feiert. Wir haben sehr starke Wurzeln und können so gegenseitig von unserer Unterschiedlichkeit profitieren.

MusikBlog: Wie zeigen sich in solchen Situationen eure Unterschiede?

Casper Clausen: Beispielsweise schon in so subtilen Dingen wie dem Aufstehen. Rasmus ist ein absoluter Morgenmensch und steht gerne früh auf. Viele Dinge sind also schon passiert, bevor ich überhaupt die Augen aufgemacht habe. Manchmal ist Rasmus mir mehrere Stunden voraus. (lacht)

Ein anderer, interessanter Aspekt zum Thema Unterschiede ist, dass wir zu jeder Jahreszeit auf der Insel waren. Auch die Jahreszeiten verändern einen. Im Sommer fühlte sich alles sehr spielerisch an, ich habe zum Beispiel oft Gesang draußen im Garten aufgenommen. Im Winter hingegen waren wir logischerweise meistens drinnen und dadurch auch viel fokussierter auf die einzelnen Songs. Statt weiterhin auszuprobieren, ging es um die Entscheidung, welche Songs auf das Album kommen und welche sich eher nicht danach anfühlen.

MusikBlog: Ihr habt die Initiative „Efterkids“ gegründet, die sich mit der Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche beschäftigt. Würde dich ein Kind fragen, warum die Beschäftigung mit Musik sinnvoll ist, was würdest du antworten?

Casper Clausen: Musik ist ein Mittel, um sich auszudrücken. Natürlich kann man auch einen Stift in die Hand nehmen und etwas auf ein Blatt Papier malen. Kinder können das noch intuitiv, wir Erwachsenen sind eigentlich die, die das verlernt haben. Mein Vater meinte immer zu mir: Casper, du hast so ein Glück, du hast die Musik, um deine Gefühle auszudrücken. Lange Zeit habe ich darüber gelacht, aber mittlerweile merke ich, wie recht er hatte. Musik ist ein sehr hilfreiches Mittel, um Gefühle loszuwerden, die man ansonsten mit sich rumträgt. Damit meine ich aber nicht nur das aktive Musikmachen, sondern auch das Hören.

MusikBlog: Warum ist das wichtig?

Casper Clausen: Es wäre großartig, wenn man in der Schule ein Fach hätte, in dem man nur Musik hört. Um sich auszudrücken, braucht man einen Input, etwas, das sich mit deinen eigenen Gedanken oder Gefühlen mischt. Es ist essenziell, dass man sich in etwas verliebt oder von etwas begeistert wird, um so seine eigene Stimme zu finden und zu merken, wie gut es tun kann, sich auszudrücken. Das habe ich in den letzten 20 Jahren meiner Karriere gelernt und mir ist es ein Bedürfnis, dieses Wissen weiterzugeben.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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