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Grace Cummings – Storm Queen

Man kann fast die Uhr danach stellen: Sobald man glaubt, schon alle einzigartigen Stimmen gehört zu haben, die es geben kann, kommt ein neuer Act unversehens um die Ecke und reißt die Grenzen des eigenen Horizonts nur zu gern ein.

Grace Cummings aus Australien hat solch eine Stimme. Nicht nur klanglich überrascht und verzückt der bedeutungsschwangere Reibeisen-Gesang, der wirkt, als hätte er schon in den 60ern zusammen mit Keith Richards Zigaretten und Whiskey vernichtet.

Auch die emotionale Intensität der Musikerin zeigt ein äußerst breites Spektrum. Cummings kann tieftraurig flüstern, nur um Sekunden später in völliger Leidenschaft zu explodieren und danach wütend zu raunen. Allein mit ihrer Stimme erzählt die Sängerin in drei bis fünf Minuten ganze Epiken.

Anfangs tat sie das mit akustischen Covern von Klassikern aus Rock und Pop, die sie im Internet postete. Ihre Version von Bob Dylans Song “It’s All Over Now Baby Blue” etwa spielte ihr eine gehörige Portion Aufmerksamkeit und damit den Anfang ihrer Karriere zu.

2019 folgte ihr Debütalbum “Refuge Cove”, das Cummings selbst produzierte und einige Dinge festlegte: Roh und minimalistisch bleibt der Sound, in der Regel begleitet nur eine Gitarre oder ein Klavier, selten beide zusammen. Und der wichtigste Punkt: Der Gesang bleibt zu jeder Zeit der Mittelpunkt aller Songs.

“Storm Queen” ändert daran sehr wenig. Lediglich der Sound ist ein wenig polierter, was den Folk mit dem wohlig warmen Gefühl im Bauch nur noch bestärkt.

Es steckt eine überaus betörende Schönheit in der Simplizität der Songs, die Sängerin zeigt sich persönlich und nahbar. Das fängt bei dem mitreißenden Timbre an, das die einfachen Gesangsmelodien in ungeahnte Sphären hebt und hört auf bei dem leisen Lachen, das nach dem Ende einiger Songs zu hören ist.

Den Tracks wohnt ein gewisser Pathos bei, den man vorwiegend in längst vergangenen Zeiten findet: Songs wie “Heaven” oder “Raglan” muten an wie Rock-Balladen von Bands wie Led Zeppelin oder The Who, Cummings’ Gesang erinnert in diesen Momenten – wahrscheinlich nicht zufällig – an die Ausdrucksstärke eines Robert Plant oder Roger Daltrey.

Die Vergangenheit ehrend kann man das nennen, gerade wenn man ebenfalls das Folk-Revival der 60er mit Akteur*innen wie Joan Baez oder eben Dylan dazu nimmt. Zeitlos wäre eine weitere Bezeichnung, die für die Gänsehaut-Momente passen würde, die die Sängerin durchgehend liefert.

Cummings selbst dürfte eine solche Einordnung recht egal sein – “Storm Queen” zeigt, dass sie dazu in der Lage ist, mit einfachsten Mitteln weite Gefühlswelten in ihrer Musik zu kreieren.

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