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Jimi Tenor – Multiversum

Hört man heutzutage von einem “Multiversum”, gehen die Gedanken für gewöhnlich in Richtung Comic-Film-Franchises und ineinander verstrickte Filme und Serien – dieser Entertainment-Zweig scheint den Begriff ganz für sich vereinnahmt zu haben.

Mit wem dabei allerdings niemand gerechnet hat, ist Jimi Tenor: Der Multiinstrumentalist aus Finnland benennt nicht nur sein erstes Album seit dem 2020er “Intervision” nach dem multiversalen Konzept, sondern lebt es auch musikalisch.

Tenor ist ein Mann mit bombenfesten Prinzipien. Seit den 90ern ist sein höchstes Kredo, alles an seiner Musik mit vollstem Do-It-Yourself-Einsatz zu basteln und dabei völlig im Moment zu leben. Heraus kamen dabei zahllose Alben, die zwischen Jazz und Afro und zwischen Verschrobenheit und Witz leben – in über 30 Jahren konnte der Musiker sich nie für ein Universum entscheiden, es mussten immer irgendwie alle mit dabei sein.

“Multiversum” ist dabei so etwas wie ein Neuanfang, denn es handelt sich um das erste richtige Studioalbum auf dem Hamburger Label Bureau B für den Finnen und stellt dabei auch eine inhaltliche Umstrukturierung dar. Neben dem immer noch omnipräsenten Bedroom-Jazz macht es sich nun die elektronische Ader, die Tenor in der Regel eher bei seinen Live-Shows auslebt, äußerst bequem.

Ein kleiner Vorgeschmack liefert direkt das “Slow Intro”: Ein kleines verjazztes Bläser-Arrangement setzt hier langsam ein, nur um gelegentlich von subtilem Synthesizer-Noise unterbrochen zu werden.

Es ist allerdings kein striktes Gegeneinander zwischen den beiden Einflüssen: Zwar konkurrieren analoge Jazz-Elemente oft mit synthetischen Spuren, jedoch verweben sie sich vorwiegend ineinander und lassen es doch harmonisch angehen.

“Life Hugger” etwa wartet mit wavigem NDW-Beat auf, über den sich geschmeidige E-Piano-Akkorde legen, die die Vorarbeit für eine fröhliche Flöte und später synthetische Jazz-Chöre liefern.

Keines der 12 Stücke klingt wie das vorherige, Tenor hüpft von Trip-Hop-Beats in “Uncharted Waters” zu minimalistischem Deep House in “Baby Free Spirit” und wieder zurück in das analog-traditionelle “Jazznouveau”.

Zwar spiegelt diese wilde Sprunghaftigkeit den Entstehungsprozess der Platte wider, in dem der Musiker einfach aufgenommen hat, wonach ihm gerade der Sinn stand. Allerdings verstreut sich dadurch auch jegliche Konsistenz im Albumgefüge.

Überraschungen und Wendungen können für Spannung und Aufregung sorgen, auf “Multiversum” wirken diese allerdings konfus und verwirrend, so dass sogar die Frage aufkommt: Für wen, abgesehen von Tenor selbst, ist diese Platte gemacht?

Jazzliebhaber werden mit dem Jazz-Anteil nur lauwarm, Clubbern reichen die schnell vorbeischwindenden Fetzen EDM nicht, für Trip-Hop greift man lieber zu wirkungsvolleren Kalibern. Da helfen auch kleine Lückenfüller aus New Wave, Afro und Dub auch nicht mehr viel.

So bleibt am Ende nur eine Platte, die Jimi Tenor möglicherweise aus dem Kopf kriegen musste, die aber über Albumlänge humpelt und mit der eigenen Persönlichkeit hadert.

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