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Shabazz Palaces – It’s A Style Sport

RubrikAlben
Künstler*inShabazz Palaces
LabelSub Pop

Ende Oktober, Schmuddelwetter, Nieselregen, eisiger nasser Wind, kürzere Tage, spätnachmittags schon Dämmerung. Welcher Soundtrack passt dazu? Kein lässig tänzelnder, möchte man meinen, eher verhangene, trübe, melancholische und verhaltene Musik. Bei Shabazz Palaces hält schon im Eröffnungs-Track ihres neuen Albums „It’s A Style Sport“ die Finsternis Einzug.

Bei so einem Titel würde man vielleicht doch mehr Schwung und Motivation erwarten. Während kollektive Einigkeit herrscht, dass in unseren Breitengraden Sommerhits mit grell aufgetragener Frische, plakativen Beats und Dur-Akkorden einher gehen, hält selten jemand nach Herbst-Hits Ausschau. „It’s A Style Sport“ von Shabazz Palaces wäre einer, die pure Dunkelheit.

Gedeckte, bassgetriebene Klangfarben garniert Ishmael Butler, dieses Mal ohne Feature-Gäste relativ alleine, mit seiner dunkelsten Stimmfärbung. Die smarte, gleichwohl lakonische Formulierung „put your money, where your mouth is“ lässt eine gewisse Resignation erkennen.

Die Atmosphäre, die der Tune erzeugt und die Bilder, die er vor Augen ruft, machen keinen anheimelnden Eindruck. Eher hat man eine desolate Kulisse vor Augen, abbröckelnde leer stehende Fabrik-Fassaden, verlassene Hallen, wie die in Ost-Berlin 1990, in denen illegale Techno-Partys tobten, oder die in Detroit und Chicago, die Ende der Siebziger dem Acid-Warehouse-Techno als Geburtsstationen dienten.

Leider scheint Butler auch sein Publikum eher abzulehnen, nicht nur den Kapitalismus, von dem er sich klar distanziert, denn „Money Can’t Save Your Mind“. Das autobiographische Stück unter diesem Titel rollt noch einmal den Hip-Hop der ‚Golden Era‘ auf, den Jazz-Rap der Digable Planets in Brooklyn, 1993.

Damals erschien das Debütalbum „Reachin‘ (A New Refutation Of Time And Space)“: Darüber ließe sich seitenlang Positives darüber erzählen, von A wie Anspruch bis Z wie Zusammenspiel der Drei am Mikrofon, wo Ladybug Mecca die Fahne der Frauen im Rap nach oben streckte. Für Fans der Digable Planets, wo Butler ‚Butterfly‘ hieß, für Adepten ihrer transparent klingenden Songs und ihrer warmen Analog-Aura, ist „It’s A Style Sport“ 33 Jahre später eine herbe Enttäuschung.

Und Shabazz Palaces hat man auch schon wilder und experimentierfreudiger gehört, nehme man „The Don Of Diamond Dreams“ (2020), wo aber bereits Anzeichen der Ermüdung eingesetzt hatten. Dieses Mal verkommt eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede zur Nebenrolle, weil Ishmael sie venuschelt und durch einen verträumten Unterleger konterkariert. Ausgerechnet seine Attacke auf die Getriebenheit durchs Geld taucht in banalen Wohltönen unter.

Eher löst „From One Future To Another“ die Mindesterwartung ein, dass sich etwas Interessantes ereignen möge: Die sanfte Chronik der Stimmung eines Regentages kombiniert ein organisches Drum-Kit (von Kassa Overall) mit Blubber-Loops und hochgepitchtem Gesang, also scheinbarem Sopran. Die Stimmverfremdung sorgt für Androgynität, alles zusammen für den einzigen magnetischen Hinhör-Tune.

Alles andere ist jeweils auf seine Weise frech. Unverschämt, weil Shabazz Palaces sich fast überhaupt nicht um ein originelles Wort bemüht. Einem reißerisch intellektuellen Track-Titel wie „Heliocentric Immortality Manifesto H.I.M.“ steht keinerlei Inhalt gegenüber, der das aufwiegen würde, und das bei einer lebenden Legende der Wortkunst.

Das N*-Wort gebraucht Ishmael inflationär, aber nicht, weil die Songs wütend oder überhaupt energisch oder dreckig oder geballte Pamphlete oder in der Jam entstanden wären. Man hört ihnen regelrecht an, wie unspontan sie geplant wurden, wie die Beats immer wieder aufs gleiche Ping-Pong-Dribbel-Muster setzen und sich die Lyrik in buchhalterischer Sparsamkeit auf kleinstmöglichen Standard-Wortschatz beschränkt.

Vom Freestyle ist der 57-Jährige ebenso meilenweit entfernt wie von Scratch- und Sample-Kultur, Funkiness oder gar Liebe zur Sprache. Wirklich subversiv gerät das Ganze selten, und es kann einen beim Hören der Gedanke beschleichen, den ab Joschka Fischers Tätigkeit als Außenminister auch mancher bei der Partei Die Grünen hatte: Kommen die Revoluzzer erst einmal in den Institutionen an, werden ihre Taten reaktionär, und die einstige Weltverbesserung verkommt zum unvollendeten Ein-Generationen-Projekt.

Shabazz Palaces will nach zeitgemäßer Produktion klingen, verpasst jedoch den authentischen Schulterschluss mit jungen Kolleg*innen und liefert kaum neue Ideen, verteidigt dann aber das eigene Revier als Jazz-Rap-Instanz aus der grauen Vorzeit, die sogar bei dem Grunge-Gitarrren-Label schlechthin ihren Hip-Hop veröffentlichen darf. Beide übrigens, Sub Pop und Ishmael, haben ihre Wurzeln in Seattle und ihre Vernetzung im Big Apple.

Das Revier markiert am Drastischsten „Deadstock Dude“, wo ein ziellos eingesetztes Jazz-Piano aufgesetzt sophisticated musikhistorische Referenzialität mimt, stümperhaft und nervig klingt, und einfach nur für die Wichtigtuerei da zu sein scheint.

Das Pseudo-Zeitgemäße klingt dann zum Beispiel wie in „Olivia According To Touch“. Trip-Hop/Spoken-Word bekommt ungefähr die Geräusch-Qualität, als purzelten Gummimatten auf einen PVC-Boden, und der Groove hat die Geschwindigkeit geschobener Wolkenmassen.

Ebenfalls nervtötend langsam schleichen indifferente Glibber-Laute in „Show Me Missouri In Mink“.

Ganz schlimm, besonders für Prince-Fans, aber auch alle anderen, dürften sich die Paisley-Park-Bässe der Sorte von „If I Was Your Girlfriend“ in „Jheri Curl Jump“ und „Tongue In Chic“ anfühlen. Gruselig!

Dann sind die antiken Casio-Melodieakzente in „Heliocentric Immortality Manifesto H.I.M.“ doch die bessere Wahl.

Klar, mit rotzigem Skater-Park-Hardcore-Rap hatte ‚Butterfly‘ nie wirklich zu tun, mit Soul-Anbindung auch nicht, und sein Hip-Hop war und bleibt alternativ und nischenartig. Leider ist er dieses Mal jedoch weder poetisch noch musikalisch noch experimentell, sondern mathematisch. Mit algebraischer Präzision, aber einfallslos ödet Shabazz Palaces auf einer reichlich überflüssigen Platte an.

Deren Essenz ist, dass das Leben ein täglicher Kampf in einem Dschungel sei, wie in „Field Notes“ kundgetan. Es ist jetzt nicht so, dass man das nicht schon tausendfach in spannenderer Form gehört hätte.

Mit häufigen Wortwiederholungen und erschöpfenden Parallelismen im Vers-Aufbau erleben wir eine Lerneinheit im schematischen Reimen, die perfekte Darbietung, wie man es am besten nicht macht, wenn man als Künstler neben künstlicher Intelligenz gerne seine Existenzberechtigung behalten möchte.

„It’s A Style Sport“ ist eine schreckliche Scheibe, sobald man sich näher darauf einlässt.

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