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Eigentlich passt es gar nicht zusammen – Tim Burgess im Interview

Mit seinem neuen Studioalbum “Typical Music” holt The-Charlatans-Sänger Tim Burgess zum großen Schlag gegen den Corona-Frust aus. Statt wie in den vergangenen Jahren nur limitiert zu Werke zu gehen, präsentiert der Brite nun ein wahres Klangfeuerwerk, das auf 22 Songs aufgeteilt jedem Fan von psychedelisch angehauchtem Brit-Pop ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert. Einige Wochen vor der Veröffentlichung von “Typical Music” trafen wir uns mit Tim Burgess zum Interview und sprachen über kreative Fluchtwege, facettenreiche Sounds und eine dunkle Zeitreise ins Licht.

MusikBlog: Tim, du hast zu Beginn der Pandemie die sogenannten “Tims Twitter Listening Partys” ins Leben gerufen. Dabei hast du Menschen zum gemeinsamen Albumhören zusammengebracht. Was denkst du, wie es dir die vergangenen zwei Jahre ohne diese Idee ergangen wäre?

Tim Burgess: Oh, ich hätte doch arge Probleme bekommen, denke ich. Ich bin ein sehr geselliger Mensch, der es mag, wenn er Leute um sich hat, mit denen er kommunizieren und sich austauschen kann. Das wurde mir im Zuge der Pandemie einfach genommen. Das war schon ein ziemlicher Schock, der auch ein bisschen Zeit brauchte, um sich in etwas Positives zu verwandeln. Die Listening Partys waren eine wirklich tolle Sache, die mir während dieser Zeit sehr geholfen haben.

MusikBlog: Du hast während der Pandemie auch dein neues Studioalbum aufgenommen. Was war da die größte Herausforderung?

Tim Burgess: Das größte Problem waren die Masken. (lacht) Natürlich war es auch termintechnisch nicht ganz so einfach. Wir konnten immer nur zu bestimmten Zeiten ins Studio. Aber das eigentliche Hauptproblem waren die Masken. Wir sind mit großen Ideen und Visionen ins Studio gekommen, und hatten irgendwie nicht wirklich die Möglichkeit, diese auch zu kommunizieren. Das war wirklich schwierig. Man hat etwas gesagt, und man hat irgendwie keine Reaktion erhalten. Das war ziemlich bizarr. Aber wir haben Wege gefunden, damit umzugehen. Zum Glück.

MusikBlog:  Das Album trägt den Titel “Typical Music”. Dabei klingt alles irgendwie so gar nicht “typisch”. Warum hast du gerade diesen Titel ausgewählt?

Tim Burgess: Ja, das ist eine durchaus berechtigte Frage. Eigentlich passt es gar nicht zusammen, da gebe ich dir Recht. Auf der anderen Seite ist es aber doch genau das, was wir an Musik so schön finden. Das Album ist unheimlich facettenreich. Es gibt so viele Drehungen und Wendungen und wirklich viel zu entdecken. Meiner Meinung nach sind das “typische” Merkmale von der Art Musik, die mich anspricht und die mir gefällt. Insofern passt der Titel auch. Aber ich verstehe natürlich auch, dass es erst einmal Verwirrung stiftet.

MusikBlog: Im Vergleich zum vorherigen Album klingt “Typical Music” fast schon wie eine musikalische Neuerfindung. Wie kam es dazu?

Tim Burgess: Nun, ich wollte diesmal alle Grenzen beiseite schieben. Nichts sollte unmöglich sein. Alles sollte erlaubt sein. Genau so sind wir dann auch ins Studio marschiert. Ich hatte ein klares Sound-Konzept in meinem Kopf.

MusikBlog: Du hast das Album gemeinsam mit Timothy Lewis alias Thighpaulsandra und Daniel O’Sullivan aufgenommen. Was war das Besondere an dieser Zusammenarbeit?

Tim Burgess: Ich habe die Beiden ganz bewusst eingeladen. Ich bin ziemlich limitiert, wenn es um das Gitarrespielen geht. Daniel ist ein Multiinstrumentalist, der zudem ein großes Musikverständnis mitbringt. Daniel war mir eine immense Hilfe, als es darum ging, meine Ideen und Vorstellung schnell und unkompliziert auf ein Instrument zu übertragen. Wenn ich eine Idee hatte, die ich mit dem Instrument nicht sofort ausarbeiten konnte, dann war Daniel da, setzte sich an die Gitarre, den Bass oder die Drums und sorgte für eine Verbindung. Das war großartig. Timothy ist sehr offen und – was die Sounds angeht – sehr breit aufgestellt. Vor allem, wenn es um elektronische Sequenzen ging, war Timothy der perfekte Partner.

MusikBlog: Hast du ein Lied auf dem Album, das dir besonders am Herzen liegt?

Tim Burgess: Das was mich wirklich fasziniert an dem Album, ist der Facettenreichtum. Es gibt viele Songs, die mich auf eine spezielle Art berühren. “After This” beispielsweise ist liebreizender Prog. Dann ist da aber auch ein Song wie “Sooner Than Yesterday”, der diesen typischen Londoner Surf-Vibe versprüht. Es gibt einfach so viel zu entdecken.

MusikBlog: Aufgenommen wurden all diese verschiedenen musikalischen Puzzleteile an einem ganz besonderen Ort. Unweit des Studios in Rockfield (Wales) kam vor 25 Jahren Rob Collins (Gründungsmitglied der The Charlatans) auf tragische Weise ums Leben. Wie war die Rückkehr an diesen geschichtsträchtigen Ort für dich?

Tim Burgess: Das war natürlich eine große Herausforderung für mich. Ich habe diesen Ort fast 25 Jahre gemieden. Aber das Leben geht irgendwann weiter. Für uns war Robs Tod damals ein großer Schock. Wir waren Mitte zwanzig und wussten nicht, wie man so etwas verarbeitet. Ich bin jetzt älter und es ist irgendwie anders. Ich war während der Aufnahmen ein paar Mal draußen und habe mich dabei ertappt, wie ich mit Rob geredet habe. Das war ein gutes Gefühl. Ich denke, dass es die richtige Entscheidung war, das Album in Rockfield aufzunehmen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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