Übersättigt von Digitalisierung und hungrig nach Entschleunigung liebäugelt man nunmehr immer öfter mit dem Bandsalat. Gemeint ist damit die gute, alte Musikkassette. Doch was als nostalgisches Statussymbol von Hipstern und Millennials ihr Comeback feiert, sorgte in den 70er und 80er Jahren für eine Revolution. Nicht nur hierzulande, sondern auch in Westafrika.

Die vom Volk der Tuareg stammenden Musiker der Band Tinariwen nahmen 1991 in der Stadt Abidjan in der Republik Côte d’Ivoire ihr erstes Album “Kel Tinariwen” auf. Zu jenem Zeitpunkt bestand die Band aus den vier Mitgliedern Abdallah Ag Alhousseyni, Hassan Ag Touhami (Abin Abin), Kedou Ag Ossad und Liya Ag Ablil (Diarra). Die Idee hinter dieser regionalen Veröffentlichung auf Kassette stammt von der Künstlerin Keltoum Sennhauser.

Die Geschichte des Volkes zu dieser Zeit war geprägt von Marginalisierung und Zerstörung. Tinariwens politisch aufgeladene Musik über Hoffnung, Kampf und Exil fand Verbreitung über das Kopieren von selbst aufgenommenen Musikkassetten.

Sennhauser selbst sagt: “In our milieu, the only thing that can make us question ourselves is music. […] We don’t read. We’re not a people who read. So, the only reading we have, about ourselves and about the outside world, is music.”

Mehr als 30 Jahre später verschafft sich das Album “Kel Tinariwen” endlich als weltweite Neuveröffentlichung Gehör und zeigt die Wurzeln des mittlerweile etablierten Sounds der Desert-Blues-Band Tinariwen.

Das vorab veröffentlichte “À L’Histoire” verführt die Hörer*innen mit einer einfachen Andalusischen Kadenz. Durch die harmonisch absteigende und sich ständig wiederholende Struktur über fünf Minuten erzeugen sie einen melancholischen Strudel aus beschwörendem Gesang und hypnotischen Gitarren.

Eingängig zeigt sich ebenfalls das groovige “Atahoura Techragh D’Azaka Nin”, hebt sich aber lediglich durch die Keyboardmelodie ab und ähnelt ansonsten dem vorangehenden “Khedou Khedou”.

Gegen Ende von “Tenidagh Hegh Djeredjere” glaubt man für einen kurzen Moment, das Intro von The Doors’ “Riders On The Storm” wiederzuerkennen. Der oft erwähnte westliche Einfluss großer britischer und amerikanischer Rock-Bands wie Led Zeppelin oder Santana ist durchaus hörbar.

Der traditionelle Ruf-und-Antwort-Gesang begleitet den Sound von Tinariwen von Beginn an und zeigt sich markant in Titeln wie “Matadjem Yinmexan”, “Sendad Eghlalan” oder “Ighran Manin” – ein formgebendes musikalisches Grundelement, das auch noch auf den jüngsten Veröffentlichungen wie “Elwan” aus 2017 und “Amadjar” aus 2019 anzutreffen ist.

Die Rhythmen und Instrumentierungen auf “Kel Tinariwen” gestalten sich schlichter und weniger mannigfaltig, doch die ausdrucksstarken Melodien der Band versprühen bereits von Beginn an ihren transzendenten Charme. Diese Retrospektive zeigt eindrucksvoll, woraus sich der beispiellose Werdegang und musikalische Reichtum des Kollektivs Tinariwen einst formte.

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