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Mine – Live in der Alten Feuerwache, Mannheim

„Es ist schattig, das Leben ist hart/ Weil der Mensch schwach ist, immer versagt/ ‚Was soll ich machen‘, hast du gefragt/ Ich hab‘ keine Ahnung, alles im Arsch.” Mit diesen Zeilen aus ihrem hervorragenden neuen Album „Baum“ konfrontiert Mine das Publikum direkt zu Beginn ihrer gestrigen Show und somit auch die Handvoll Kinder, die im Bühnengraben sitzen dürfen, um in erster Reihe eine unversperrte Sicht zu genießen.

Seichte Unterhaltung und Schönfärberei gibt es nun mal anderswo, aber nicht bei Jasmin Stocker alias Mine, die längst zu den ganz Großen der gehobenen Popkultur dieses Landes zählt. Dafür ist der “GEMA Musikautorenpreis” für ihre klugen, oft sehr persönlichen Texte nur konsequent, aber längst nicht die einzige Bestätigung. Genauso wenig, wie bei Till Reiners auf 3Sat vorbeizuschauen, dem selbst ernannten Basecamp vor dem Gipfelanstieg zum Erfolg, wo sie mit ihrem Auftritt der Comedy eine Ernsthaftigkeit mitgibt.

Nein, allerspätestens seit ihrem gemeinsamen Album mit Fatoni macht sich die harte Arbeit bezahlt, so dass Mine heute in einer schicken 110 Quadratmeter großen Wohnung lebt und genug „Kohle“ hat, um im Supermarkt alles kaufen zu können, wie sie auf der Bühne sagt – nicht ohne Dankbarkeit und eine gewissen Demut in der Stimme.

Sie prangert im selben Atemzug die soziale Ungerechtigkeit in diesem Land an, weil ihr jetzt auch zugehört würde. (Viele Grüße an die nicht explizit erwähnte FDP, die hier zwischen den Zeilen trotzdem wie der Elefant im Raum steht.) Es war schließlich nicht immer so. Bei manchen Shows standen mehr Leute auf als vor der Bühne. Entsprechend war lange das Geld knapp.

Diese Zeiten sind vorbei und eine restlos ausverkaufte Feuerwache hängt an Mines Lippen, ob in den Texten oder den zahlreichen Ansagen, mit denen sie die Songs anmoderiert. Sie erzählt von ihrer kranken Mutter, dem schwer arbeitenden Vater, an dem sie erkannt habe, dass es keine gute Idee ist, Zeit gegen Geld zu tauschen.

Wenn sie alleine an ihrem E-Piano steht, folgt darauf einer der emotionalsten Momente des Abends. „Staub“ ist tief bewegend, wenn sie über den Tod ihrer Mutter singt und darüber, wie ein fehlender Glaube diesem die bitterste Absolutheit verpasst.

Aber auch, wenn sie mit ihrer fünfköpfigen Band aus den Vollen schöpft und zwei Schlagzeuger die enorme Perkussivität ihrer Musik in Szene setzen, kann zwar getanzt werden, nur die heile Welt darf nicht mitmachen. Zu „Das Meer ist aus Plastik/ Der Hunger ist groß“ verleiht die gesamte Band an Standtoms der Rhythmik und Thematik einen durchschlagenden Nachdruck.

Aus Plastik ist auch ein Großteil des Bühnensettings, in dem sich das verästelte Cover ihres aktuellen Albums spiegelt, das auch ihr E-Piano einkleidet. Zwischen den Requisiten sind allerhand Instrumente versteckt. Am Eindrücklichsten offenbart sich eine Theremine. Diesem hundert Jahre alten elektronischen Instrument entlockt Mine in herrlichen Crescendi wunderbaren Lärm.

Gegen Ende häufen sich die Momente, in denen sich die Musik in ihrer Dynamik beinahe ins Euphorische hochschaukelt, ob im Glamrock-Solo von „Baum“ oder dem aufbäumenden „Das Ziel ist im Weg“. Gepaart mit den leisen Momenten ergibt sich ein musikalisch abwechslungsreiches und doch stilistisch stringentes Konzerterlebnis.

So steht in seiner Intensität etwa das leise zweifelnde „Ich Weiß Es Nicht“, das die gesamte Feuerwache mit erstaunlicher Textsicherheit mitgeht, den rock-euphorischen Momenten in nichts nach. Im Gegenteil. Gerade, weil es auf Mines Konzerten thematisch oft „Schattig“ ist, sind ihre Shows so unverkrampft menschlich.

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