Dawn Richard geht bei ihrem neuen Album „Creole Culture“ wie bei einem Teig vor: Sie mischt ihre Stimme unter stetem Rühren unter hypnotisch kreisende Beats, auf dass sie mit der Klangmasse eins werden.
Dazu performt die 43-Jährige eine ihr eigentümliche Mischung aus Sprechgesang, Rufen, Rappen, Singen und dem, was man in Jamaika Singjaying nennt. Passend dazu wählt sie auch weitere Bestandteile aus dem Dancehall wie in den Tracks „Motives“ und „Enough“ – nämlich schiebenden Offbeat, Patois und den uralten „Bam Bam Riddim“.
Die von P. Diddy entdeckte Songautorin ist schon richtig lange aktiv, ein alter Hase, wenn man ihre Zeit mit der Casting-Gruppe Danity Kane mitrechnet, deren Debüt sich vor 20 Jahren auch in Deutschland sehr gut verkaufte.
Dawn solo erfuhr bei uns aber erst wieder Aufmerksamkeit, als sie aus der Selbständigkeit heraus zu Merge Records wechselte. Das Label von Superchunk-Bassistin Laura Ballance und Sänger Mac McCaughan entstammt zwar der Alternative Rock-Welle der späten 1980er, blickt aber immer wieder über den Tellerrand des eigenen Genre-Kosmos hinaus.
Dawn Richard interpoliert bekannte Melodien für die Tanzflächen, engagiert sich in der Kulturvermittlung des Voodoo-Kult von Louisiana und benutzt ihre Stimme nicht zum linearen Geschichtenerzählen, dennoch vermarktet sie sich so, als erzähle sie eine.
Der Anspruch des neuen Albums war nicht bescheidener als ein „narratives Universum, in dem Richard als ‚King Creole‘ ihre Heimatstadt New Orleans nach ihren Vorstellungen neu erschafft“, so versprach die Ankündigung. Wenn man es jetzt hört, bleibt es eine unverbunden klingende Track-Sammlung, deren textliche Botschaft im Verborgenen bleibt und einen eher unverbindlichen und unpräzisen Eindruck macht.
Im Mittelpunkt stehen dagegen der Groove aus der „Groove City“, Trap-Effekte, House-Bässe in einer ansprechenden Links-Rechts-Raumklang-Abmischung und das Gefühl, dass es immer weiter und weiter geht auf der Tanzfläche.
Was Dawn und ihre Gäste verbal vortragen, ist sekundär, hat aber meist mit dem Musikmachen, Tanzen, Feiern, intersektionalem Feminismus und mit der kreolischen Identität zu tun.
Als Gäste lassen sich der letztjährige Gewinner in der Grammy-Kategorie Progressive R&B, Durand Bernarr, Rap-Ikone Big Freedia sowie Tank Ball und Jelly Joseph von Tank And The Bangas blicken.
Auch hinsichtlich seiner Klang-Innovationen sollte man das Album nun nicht überhöhen, das „futuristisch“ zu sein behauptet. „Chuuuuurch“ ist der ausgefeilteste Beitrag. Das Stück pflegt teilweise den in sich unter der Oberfläche brodelnden, scheinbar gleichmäßigen Electro-Trip-Soul einer Erika de Casiers, bricht mehrmals mit der Instrumentierung, zeigt sich dynamisch, zwischen minimalistisch und intensiv überladen, wechselt mehrmals das Tempo und zerhackt den Rhythmus-Flow.
Mehr als interessante Experimente ergeben sich dadurch aber noch lange nicht: Der Mehrwert für die Hörer*innen bleibt trotz einer angeblichen Fremdenführung durch die „Creole Culture“ von New Orleans einigermaßen undeutlich. Anders als bei Moonchild Sanelly geht mit dem Fusionieren von klassischem House und exotischer Abwandlung selten ein wirklich tanzbarer Track einher, wie man ihn allenfalls mit „Only Fans“ bekommt.
Das Producer-Kollektiv Katalyst hat gute Verschmelzungen verschiedener Formen von R&B bewerkstelligt und wendet sich damit an Fans verspielter Zuhör-Elektronik. Als multimediales Projekt würde das Album womöglich mehr Wirkung entfalten, zumal Dawn als Video-Künstlerin einiges drauf hat. Als reines Audio hat „Creole Culture“ schicke Ansätze und etliche Leerläufe.
