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The Marias – Submarine

Stell dir vor, du verlierst den Verstand – und keiner kriegt es mit. Was anderswo als beklemmendes Albtraumszenario durchgehen würde, ist bei The Marías der Stoff eines schwebend leichten Popsongs.

Der Song trägt den Titel „No One Noticed“ und findet sich mit 13 weiteren Tracks auf „Submarine“, dem zweiten Album der 2016 gegründeten kalifornischen Band.

Kaum hat Frontsängerin María Zardoya auf „No One Noticed” mit nur wenigen dahingehauchten Zeilen den drohenden Verlust unseres Verstandes skizziert, gleiten wir auf sanften Synthie-Wellen dem Kern des Stückes entgegen: einem ozeanischen Gefühl von Einsamkeit.

Dieses uns hier umschwingende Gefühl spiegelt sich auch in Zardoyas Gesang, der im zweiten Teil des Tracks eine hypnotische Redundanz entwickelt. Der besungene Wunsch nach Trost und Verbindung bleibt eine vage, ungreifbare Fiktion.

Anders als auf ihrem ersten – 2021 erschienenen – Album „Cinema“, das eckiger und kantiger war, haben The Marías auf „Submarine“ – dem Titel gemäß – das Fließen und Gleiten durch psychologische Tiefen zu ihrer bevorzugten musikalischen Fortbewegungsart erkoren.

Nachdem wir mit „Ride“, dem instrumentalen Intro, eingetaucht sind in die dunkelblaue, hin und wieder bedrohlich schillernde Unterwasserwelt der Marías, hören wir in „Hamptons“ gleich eines der besten Stücke.

Es tröpfelt, es klappert, es raschelt – und Zardoyas entrückte, hier und da in ihre Einzelteile zerlegte, Stimme klingt, als sei sie ein weiteres Instrument in der opulent bestückten Trickkiste der Band.

Schon nach wenigen Songs haben wir uns eingegroovt auf „Submarine“ und seiner sphärischen Klangwelt, deren lässiger Rhythmus an Sade erinnert. Die Nebenwirkung, ein diffuses Gefühl von Müdigkeit, wird zum Glück immer wieder durchbrochen – ob durch einen an Otis Redding erinnernden Basslauf in „Real Life“ oder einen sich unvermittelt auftürmenden Tsunami im zunächst unscheinbaren „Blur“.

Dass ein Konzeptalbum stets Gefahren birgt, beweist auch „Submarine“. Fanden wir auf „Cinema“ noch schmissige Hits wie „Hush“ oder „Calling U Back“, ist hier selbst das clubtaugliche „Run Your Mouth“ dem in einem Guss erstellten Gesamtkunstwerk verpflichtet.

Dem submarinen Konzept ebenfalls geopfert haben The Marías die Zweistimmigkeit. Die vielleicht zu irdisch klingende Stimme Josh Conways – musikalischer Kopf der Band und Lebenspartner Zardoyas – fehlt fast gänzlich.

Die Zweisprachigkeit hingegen – ein Markenkern der Band – ist zum Glück auch auf „Submarine“ zu finden. Die spanischsprachigen „Lejos De Ti“ und „Ay No Puedo“ stehen für erfrischende Taktwechsel auf der Fahrt durch die ozeanischen Tiefen von „Submarine“.

Eine Fahrt, die man – kaum ist der letzte Ton verklungen – gleich nochmal von vorne beginnen möchte, auch auf die Gefahr hin, den Verstand zu verlieren.

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