Dass es Leute wie uns geben kann, ist purer Luxus – Milliarden im Interview

Vom beinahe theatralischen „Schuldig“ zum sehr direkten „Lotto“ ist der musikalische Weg lang. Bei Milliarden stehen die Anzeichen dieses Mal auf der Uneindeutigkeit, aber nicht im negativen, sondern vor allem positiven Sinn. Es ist kompliziert, erzählt Sänger Ben Hartmann uns auf viele Ebenen dieser Platte, die in knapp einer Woche komplett eingespielt und produziert wurde. Wie die Sache mit dem Glücksspiel gemeint ist, welche Uneindeutigkeiten mitschwingen und welcher Produzent für diesen neuen Sound verantwortlich ist, berichtet uns Hartmann im Interview.

MusikBlog: Hi Ben! Schön, dass du dir die Zeit nimmst. Wie geht es euch gerade vor dem Release? Ist noch viel zu tun?

Milliarden: Ja, wir haben sehr viel zu tun. Ich würde eigentlich gerne mal in den Proberaum gehen und die Tour vorbereiten, aber dazu kommst du ja heutzutage gar nicht mehr richtig. Durch diesen permanenten gefühlten Produktionszwang auf sozialen Medien entsteht ein ganz komisches Gefühl, wenn man da nicht mitmacht. Ich glaube, da verschiebt sich das Bild von Musiker*innen gerade hin zum Gesamtkunstwerk und die Sichtbarkeit geht eher weg von Leuten, die im Proberaum stehen und nur musizieren möchten.

MusikBlog: Das kann gut sein. Aber vielleicht haben sich die Leute auch irgendwann daran satt gesehen.

Milliarden: Ja, sicher. Mal schauen, was danach kommt – zuerst gehen die, die die Algorithmen bedienen, an ihnen kaputt. Irgendwann aber auch die, die die Algorithmen wahrnehmen. Ein Video zu schneiden fühlt sich jetzt trotzdem merkwürdig an, auch wenn man das schon vor dem ganzen sozialen Medien-Wahn gemacht hat.

MusikBlog: Klingt nach viel Arbeit – aber es ist ja auch erstmal was Schönes, dass ihr jetzt das erste Mal seit 2021 wieder ein Album rausbringt. Der Albumtitel ist natürlich super. Habt ihr jetzt was mit Glücksspielwerbung zu tun oder ist der ausschließlich meta gemeint?

Milliarden: Der hat seine Meta-Qualitäten. Uns spukte dieses Wort in Bezug auf unsere Musik im Kopf und auch bei der ganzen Textgestaltung des Albums fiel uns auf, dass dieses Dasein ein Spiel auf morgen ist. Der Prozess der kreativen Produktion hat immer ein Kribbeln: Was wächst daraus? Wo geht das hin? Man fokussiert sich dann auf etwas und lässt es gedeihen. Wir machen ja schon seit über zehn Jahren Musik zusammen und haben bei diesem Album gemerkt, dass das unser Gewinn ist – dass wir unsere Zeit gerne miteinander verbringen, dass wir gerne gemeinsam an Dinge arbeiten und uns darauf freuen, sie wachsen zu sehen. Irgendwann haben wir gemerkt: Damit haben wir schon gewonnen. Wir haben instinktiv eine Entscheidung getroffen für etwas, das wir gerne tun.

Letzten Endes ist Musik aber auch auf der Ebene eine Art Lotterie, dass es immer ist wie ein Los, das du ziehst. Wer weiß, was damit passiert? Die Art Musik, die wir machen, wird uns nicht reich machen. Aber wer weiß, wann wir in die nächstgrößere Halle schwappen? Wir haben Bock, noch größere Sachen zu machen. Bei eigenen Shows mal vor 3.000, 4.000 oder 5.000 Menschen, vielleicht sogar 10.000 Menschen zu spielen und diese Kraft einzusammeln. Dieser Dialog mit den Leuten und diese Explosion beim Livespielen – darauf arbeiten wir hin. Es gibt also zwei schöne Momente: Das Kribbeln beim Herstellen und das Kribbeln, es dann zu spielen.

MusikBlog: Lotto im doppelten Sinn.

Milliarden: Genau – das Wort kam dann irgendwann, weil Johannes zwischendurch Lottospielen gegangen ist, als wir im Studio waren und es ihm zu bunt wurde. Diese Vorfreude, dieser Moment, wenn die Lottozahlen kommen, ist ja das eigentliche Glück. Diese Glücksspielsucht, die zum Bankrott führt, ist also auf eine Weise auch nicht so anders als das Geschäft mit Musik.

MusikBlog: Ihr habt vor einigen Jahren gesungen „Ich bin ein Milliardär, weil mir Luxus scheißegal ist“ – das passt ja gut zu diesem Thema, dass Glück in eurem Fall nicht über Geld definiert ist, sondern auf einer ganz anderen Ebene.

Milliarden: Total. Es ist aber auch so, dass ich 38 bin und Jojo 35 – und wir wundern uns immer noch, wie wir manchmal unseren Tag verbringen. Wir machen die ganze Zeit irgendwas und das nennt man wahrscheinlich Arbeit. Aber manchmal gucken wir uns an und denken, die Leute würden uns für verrückt halten. Es bringt natürlich einen gewissen kulturellen Mehrwert, aber es macht keine Bude warm, es bringt kein Essen auf den Tisch, es räumt keinen Müll aus der Stadt weg. Dass es so Leute wie uns geben kann in der Gesellschaft, ist purer Luxus. Luxus, der eine Gesellschaft reich machen kann.

MusikBlog: Auf jeden Fall! Im Pressetext zu eurer neuen Platte steht, dass ihr auf diesem Album mit dem Ungewissen spielt. In der unsteten Zeit natürlich ein starkes Statement, wo sich so viele Leute Beständigkeit wünschen. Habt ihr denn beim Musikmachen noch Mut zum Ungewissen oder wisst ihr immer, wohin ein Song gehen soll?

Milliarden: Wenn wir schreiben, lassen wir uns treiben. Die Idee des Texts entwickelt sich recht unabhängig von der Musik. Eine innere Sicherheit ist dennoch wichtig – ich weiß, dass ich mich auch mal in unsichere Momente begeben muss, aber ich muss auch zurückkommen, sonst falle ich zu tief. Und die Unsicherheit bezieht sich auch auf die Unklarheit unserer Texte. Damit nicht immer klar ist, welche Lesart jetzt die richtige ist. Sprache hat ihre Grenzen und in diesen versuchen wir, uns über Codes und Abmachungen mitzuteilen. Wir möchten mit Milliarden das erzählen, was dazwischenliegt. Wir können uns nicht die ganze Zeit nur scharfe Bilder um die Ohren werfen und behaupten, dass das, was man sagt, richtig ist. Es ist nicht gesagt, dass das Richtige uns erklärt, was wir sind. Sondern auch das Falsche und das Schiefe.

MusikBlog: Wie drückt sich das denn in den Songs aus?

Milliarden: Auf unserer letzten Platte war zum Beispiel „Himmelblick“ so ein Song, den viele nicht ganz greifen konnten. Und jetzt gibt es Songs wie „Deine Musik“, die eigentlich sehr einfach sind – hier versuche ich, anhand eines bestimmten Narrativs etwas zu erzählen, was für mich dahinter steckt: Gewalt und Heimat, Trauma und Wunde als Heimat. Die Frage, warum wir immer dahin zurückgehen, wo es wehtut. Warum koste ich Kuchen, wenn ich eine gescheuert kriege? Warum habe ich Angst vor dem Plattenbau, aber fühle mich da zuhause?

MusikBlog: Eure Platte hat aber auch einige positiv konnotierte Songs – zum Beispiel direkt den Opener „Das erste Mal“, der sich hier auch über die kapitalistische Verwertungsgesellschaft auslässt und sich auch von ihr abhebt. Gelingt euch das denn selbst auch gut, dass ihr euch aus dem System heraushaltet? Zumindest ein wenig?

Milliarden: Ja, schon. Wir haben uns vor Jahren dazu entschieden, dass wir nur noch das machen, worauf wir auch Lust haben. Auch bei Social Media: Wir sagen nicht jeden Tag „Hey Leute, wir sind es wieder, Milliarden, und wir essen jetzt etwas.“ Das können wir nicht. Wir machen eher Sachen, die auch in einer gewissen inhaltlichen und ästhetischen Art zu uns passen. Letzten Endes ist es aber die Wahrheit: Die Sichtbarkeit ist vom Algorithmus abhängig. Und keine Sau guckt sich mehr Musikvideos an. Alles dauert nur noch drei Sekunden, dann geht es weiter. Damit muss man zurechtkommen. Aber wir versuchen, unsere Arbeit so gut wie möglich damit aufzufüllen, was wir für wichtig und richtig halten.

MusikBlog: Ich glaube, viele in der Musikwelt verbrennen sonst beim Versuch, sich da einzugliedern. Ein weiterer Song, der ein sehr spannendes Thema aufmacht, ist „Fürchte dich nicht“ – in dem ihr euch dafür aussprecht, aufeinander zuzugehen. Ist das etwas, das ihr beim Songwriting-Prozess für dieses Album für euch festgestellt habt?

Milliarden: Ich glaube, mittlerweile haben viele Menschen Angst davor, Fehler zu machen. Dinge zu sagen, die sie glauben oder wie sie bestimmte Sachen lesen und einordnen, was sie gut und was sie schlecht finden. Weil sie Angst davor haben, „geframed“ oder diffamiert zu werden oder in bestimmte Raster zu rutschen. Das geht mittlerweile ganz schnell. Wir haben keine Streitkultur mehr. Ich habe sogar innerhalb der Band gemerkt, dass ich da grundsätzlich eine andere Haltung habe als viele Leute um mich herum.

„Fürchte dich nicht“ spricht grundsätzlich über die komplette Deeskalation, die komplette Abrüstung der verbalen und echten Waffen. Über den Stopp der kompletten Eskalationsspirale auf politischer Ebene. Ich möchte mit dem Song also darauf hinaus, auch mal dahin zu gehen, woran man glaubt, auch wenn man mal falsch liegt. Wenn man tief in sich hinein hört, wenn man etwas gelesen hat und sagt, ich glaube aber etwas anderes, dann kann man sich mit jemand anderem auseinandersetzen, der dann sagt, ich habe aber etwas ganz anderes gelesen. Und dann kann man sich entweder doof finden oder streiten, aber zumindest sind beide schlauer. Wir halten unsere Diskurse nicht mehr lang genug aus. Selbst die Linke in sich ist ja mittlerweile gespalten. Wir zerfleischen uns gegenseitig, wenn wir uns nicht aushalten.

MusikBlog: Der Song „Sag nie die Wahrheit“ adressiert diese Thematik ja auch auf eine schelmische Weise, oder?

Milliarden: Absolut. Das hat ja auch alles autobiographische Züge und mir ist es schon so zwei, drei Mal passiert, dass ich merkte, dass wir eine gesellschaftliche Doppelmoral haben. Ich habe gemerkt, das Gesetz will die Wahrheit nicht hören. Und darin liegt etwas vergraben, etwas Größeres, was ich gar nicht unbedingt in Worten erklären möchte. Damit versucht dieser Song umzugehen.

MusikBlog: Ich finde es gerade spannend, weil ihr diese großen Themen in recht lockerem Tonfall transportiert. Wie habt ihr euch denn soundtechnisch bei diesem Album entschieden? War euch klar, dass es so werden soll?

Milliarden: Wir haben uns nicht direkt entschieden, dass wir einen bestimmten Sound machen möchten. Wir haben quasi unser Material und gehen da durch mit einer Machete und hacken weg. Wir haben dieses Mal aber mit dem tollen Produzenten Tim Tautorat zusammengearbeitet – und ich habe noch nie so einen guten Produzenten kennengelernt. Er beherrscht nicht nur das Technische, sondern auch den Rest. Wir haben noch nie in so kurzer Zeit ein Album aufgenommen. Wir hatten drei Tage im Proberaum, wo wir ihm unsere Lieder vorgespielt haben. Wir haben ihm 15, 16 Songs vorgespielt und dann irgendwann gesagt „Okay, die sind’s, die machen wir.“ Dann haben wir fünf Tage das Studio Wong gemietet und die Songs live eingespielt. In fünf Tagen zehn Lieder. Und ich glaube, das ist die Leichtigkeit, die zu hören ist. Wir haben schon Alben gemacht, da waren wir Monate im Proberaum. Da haben wir Teile live aufgenommen, da nochmal drüber gedubbt mit der Gitarre. Diese Leichtigkeit hat Tim uns gegeben.

MusikBlog: Wirklich super. Mit „Sternenflimmern“ endet dann diese Platte ähnlich leicht und auch emotional. Mit „Mantel“ ist eine andere emotionale Stelle auf dem Album enthalten. Ist es für euch auch wichtig, neben den gesellschaftlichen Themen auch die persönliche Ebene in euren Songs anzusprechen?

Milliarden: Es gibt da – wie gesagt – keinen Plan, der Faden spinnt sich von selbst. Es gibt Lieder, die kommen und wir freuen uns darüber, wenn es auch mal Liebeslieder gibt. Das ist schön. Und „Sternenflimmern“ ist eben ein ganz toller Ausflug.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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