Auf nach Island! Für eine Weltenbummlerin wie Alice Merton ist das selbstredend keine große Sache. Wer sich „No Roots“ auf die Fahnen geschrieben hat, ist wahrscheinlich stets auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen.
So scheint es nicht überraschend, dass Teile ihres neuen Albums „Visions“ in Island aufgenommen wurden. Immerhin blickt das kleine Land auf eine eindrucksvollen Pop-Historie zurück – von Björk über Sigur Rós bis Of Monsters And Men und Daði Freyr.
Mit Letztgenanntem nahm Merton bereits im vorigen Jahr – eingefangen in der ZDF-Doku „Song Trip“ – eine mythisch-entrückte Island-Version ihres Welthits „No Roots“ auf. Ein Vorgeschmack, so viel lässt sich heute sagen, auf ihr drittes Studioalbum.
Geleitet scheint die 1993 geborene Deutsch-Irin bei ihren neuen Songs vor allem von der Atmosphäre der nordischen Landschaft. Wild und weit, robust und rau. Bestachen die Vorgängerwerke „Mint“ und „S.I.D.E.S“ noch durch kompakte Produktionen, sind die Arrangements auf „Visions“ breiter angelegt, der Sound offener.
Glaubt man beim Opener „Ignorance is Bliss“ zunächst einem Stück von Kings Of Leon zu lauschen, entwickelt sich der Song rasch weiter, ehe er sich kraftvoll entlädt. Merton beweist nicht nur hier ihr Händchen für gute Refrains, ohne sich dabei im Bombast zu verlieren.
An zweiter Position folgt das schmiegsame „Coasting“, das ebenfalls mit einer Fülle von Tonspuren hantiert. Wir hören elektronisch heranbrausende Klangwellen, aus der Ferne herüber hallende Backing Vocals – und mittendrin erklingt Mertons charakteristische Stimme, die im Tiefflug über uns hinwegfliegt.
Einem Geysir ähnlich bricht schließlich „Visions“ los. Der an dritter Stelle platzierte Titeltrack bringt sogar etwas Björk-Appeal auf die Platte. Etwas geschliffener erklingt im Anschluss „Cruel Intentions“, das sich auch gut auf einem Album von girl in red machen würde.
Stoff zum Tanzen bietet der neue Longplayer reichlich. Aber auch die, die nach wohl dosiertem Herzschmerz Ausschau halten, werden auf dem vielseitigem Werk fündig. So besingt „Landline“ sowohl die sich vergrößernde Distanz zwischen zwei Liebenden, als auch die zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Den Abschluss macht „Treasure Island“, das nicht nur musikalisch heraus sticht, sondern auch das Insel-Motiv auf „Visions“ gebührend abrundet. Jene, im Musikvideo zu „Ignorance is Bliss“ noch reell abgebildete, Insel verlagert Merton hier kurzerhand in den eigenen Kopf – als Ergebnis eines Traums.
Sollte wer fürs Erste auf eine Reise nach Island verzichten müssen, empfiehlt es sich, es einfach so wie Alice Merton zu machen. Augen zu – und ab auf die Insel. Der dazu passende Soundtrack steht in all seinen Facetten schon bereit.
