Das Leben dreht sich im Kreis – höher, schneller, weiter. Bei den britischen Post Punkern Shame ist dieses Leben vergleichbar mit dem Motodrome, in dem das Video zu „Cutthroat“, der Single aus dem gleichnamigen neuen Album gedreht wurde.
Auf dem, von Grammy-Gewinner John Congleton produzierten, Album geht’s im wahrsten Sinne des Wortes aber auch rund. Charlie Steen & Co. haben nach dem etwas müden Vorgänger „Food For Worms“ große Versprechungen im Gepäck.
So fallen „naked women out of the sky“ und „Why not do what you wanna do“ wird zum Credo – „Motherfucker i was born to die“ wird zum verbalen Mittelfinger an die Gesellschaft. Und das alles nur im Titeltrack.
Der rattert motiviert über die Riffbretter und catcht mit Steens Phrasendrescherei und diesem Gefühl, live etwas zu verpassen. Dass Shame eine großartige Liveband sind, haben die Mittzwanziger auf Europas Bühnen bereits bewiesen. Da lässt man sich dann auch gern mal beschimpfen, wenn „Cowards Around“ zum ironischen Rundumschlag im Rumpelorchester ausholt.
Auch ums Lagerfeuer wird getanzt, wenn sich Steen nach dem „Quiet Life“ sehnt, und dabei die Klampfen im scheppernden Uptempo-Folk die Blutsauger der Vergangenheit vertreiben.
Shame reflektieren die Gesellschaft, dabei erweist sich Charlie Steen als augenzwinkender Beobachter seiner Mitmenschen. „Nothing Better“ zelebriert den blutleeren Alltag hin zum dynamischen Schlagzeugexodus, in welchem der Sänger predigt, dass man Dinge eben tut, weil man sonst nichts zu tun hat.
Sowohl „Plaster“, das mit verzerrtem Saitenintro zum Spoken Word Messaging inklusive bohrend eindringlichem Refrain wird, als auch die Abrechnung in Form des hingerotzten, charakterstarken Punksongs „Spartak“, zeigen Congletons Produktionseinfluss.
„To And Fro“ träumt noch von seinem Basslauf, wenn Steen aufklärt, dass „es nicht um Gier geht, sondern um Hunger“ und das der Grund ist, warum er sich alles nimmt, was er braucht.
Das marschiert im Drumtakt ohne Umwege ins Gehör und verweilt dort länger als das folgende „Lampiao“, das sich als blutleerster, dafür jedoch textlastigster Titel der Briten entpuppt. Das wabert – in Pop-Rhythmen gefangen – um Steens scheinbar endlosen Wortfluss und bereitet die Bühne für die „After Party“.
Erst, wenn das Licht angeht, scheinen die Lichter des charismatischen Frontmanns zu erlöschen. Das Keyboard gibt den Takt vor, die Saiteninstrumente werden zu Soundeffekten degradiert und Steen zum Messias der nicht enden wollenden Party.
Das ist schräg, aber besser als das sich in Effekten zersetzende „Screwdriver“. Wie ein Bulldozer scheppert dieser rastlos angetaktete Titel über die stromverzerrten Gitarren und Steens akzentuierten Einsatz, der in „Packshots“ indiesk orgelndem Sound einen Kniefall vor den Pixies macht und instrumentale Vielfalt zur orchestralen Kakophonie aufbläst.
Nach einem Dutzend Titel macht „Axis Of Evil“ schließlich den Deckel drauf. Fiebrig synthesizernd befindet sich Charlie Steen in der Hauptstory eines John Niven Romans. Und auch er kommt mit allem davon, was er sich und seiner Welt so angetan hat.
Shame machen Punkrock, den sie im vielseitigen Sound von „Cutthroat“ hörbar ausleben. Und doch ist es Steens predigender Akzent, der die Anziehungskraft der Londoner ausmacht. Der britische Humor und die Kritik am gesellschaftlichen Leben spielen da eher eine Nebenrolle.
