„Sutsche“ heißt auf Plattdeutsch „entspannt“, „zurückgelehnt“. Zum Schlurf-Rhythmus von Reggae, dem sogenannten One Drop, passt es perfekt. Weniger gemeinsam hat es allerdings mit dem Beruf des Rettungssanitäters, dem übergeordneten Thema des Albums „Rescue Love“ des Gitarristen und Songwriters Mellow Mark. „Sutsche“ hat als einziges Stück hier nicht mit diesem Thema zu tun, sondern mit der Stimmung vor der andalusischen Küste und dem dortigen Engagement der Seenotrettung.
Bei „Rescue Love“ handelt es sich um ein Comeback und um das siebte Studio-Album von Mark Schlumberger, wie Mellow Mark bürgerlich heißt. Plattdeutsch aufgewachsen ist er nicht, hat in Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Brandenburg gewohnt.
1999, als eine wachsende Szene für deutschsprachigen Hip-Hop und Reggae entstanden war, interessierten sich große Plattenfirmen für ihn. Einig darüber, wie sie mit seinem Material umgehen und ihn vermarkten, wurden sie sich letztlich nie. Einige Jahre lang arbeitete er mit dem Berliner Kleinst-Label Homeground, wo auch Culcha Candela und der deutschsprachige Soul-Künstler Flo Mega andockten. Doch rund 20 Jahre lang lief es so: Setzte er zwei Schritte vor, ging es bald wieder einen zurück.
Dazu gehört, dass Mark sich stilistisch geöffnet hat. Während einen Teil des Albums Boomrush Backup, eine Roots-Reggae-Combo um Keyboarder Felix Rühling eingespielt und produziert hat, tragen zudem Bass Hamburg drei Stücke bei und verschieben das Klang-Spektrum überzeugend in Richtung digitaler Afrobeats.
Auch die meisten weiteren Tracks, deren Produktion sich auf Köpfe aus der deutschen Reggae-Szene verteilt, landen letztlich in anderen Spielarten, angefangen mit dem treibenden Synth-Pop-Opener „Nachtigall“ über das Leben in langen, zwölfstündigen Sanitäter-Nachtschichten. Hier legte der Berliner Kollege Ganjaman, bekannter Bühnen-Moderator mehrerer Reggae-Festivals, Hand an.
Mit „Rescue Love“ vertritt Mellow Mark eine zentrale Botschaft, die wir in Zeiten lebenslangen Lernens und Aussichten auf die gesetzliche Rente ab 70 sowieso beherzigen sollten: „Es ist nie zu spät für einen Neubeginn.“ So thematisiert es insbesondere das Lied „Neubeginn“.
Mellow Mark und seine Mitstreiter Ajani McDowell, Xelif, Kraans de Lutin und Florian Bohde durchmessen im Schnelldurchlauf Songwriter-Pop, Soul, Jazz, Salsa, Electro, Dance, Raggamuffin, Deutsch-Rap und Urban. Eine wesentliche Neuerung trat für Mark aber auch im Stellenwert der Musik ein.
Den Beruf übt der Multiinstrumentalist und Poet jetzt nur mehr nebenberuflich aus. Zuvor unternahm er zwar schon jahrelang mehrere Dinge parallel, jetzt steht er aber fest im fordernden und verantwortungsvollen Beruf des Rettungssanitäters, um den sich all die Lieder wie „Tatütata“, „Falscher Alarm“, „Dienst nach Vorschrift“, „Rescue Män“ oder „Joe Black“ (über den Umgang mit Unfall-Schaulustigen) stets ranken.
Das Themenalbum schöpft aus Beobachtungen der letzten fünf Jahre – Mark wechselte mit 46 in diese Tätigkeit. Natürlich war die Covid-Pandemie der Auslöser. Doch schon länger hatte es sich angebahnt, die Chancen in der deutschsprachigen Musik mit ihren potenziell 95 Millionen Menschen Zielgruppe, von denen ein nie gemessener minimaler Bruchteil einen Sinn für oojamaikanischen Reggae hat, zu überdenken.
Ob es eine Verzweiflungstat war, dass er sich mit 43 der Casting-Show „The Voice Of Germany“ stellte, spielt angesichts der enormen Wirkung wohl keine Rolle, aber auch dieser Schritt war ein mutiger „Neubeginn“ und vor acht Jahren sein letzter großer Schritt an die Öffentlichkeit.
In der Jury erkannte keiner seine Promi-Stimme, als er mit Effekt auf dem Mikrofon, Beatboxing-Mundharmonika, Akustikgitarre und Fuß an der Basstrommel Thomas D’s „Rückenwind“ intensiv, energisch, alternativ coverte. Mit einem Schlag erreichte Mark über drei Millionen Leute, gewaltig, wenn man sonst vor einer dreistelligen Zuschauerzahl spielte.
Zu verlieren hatte er da kaum mehr etwas, zumal er innerhalb seiner Subkultur nie so wirklich als der typische Vertreter des Reggae-Kosmos gefeiert wurde. Sein bruch- und kurvenreicher Lebenslauf wirft aber auch das Schlaglicht darauf, dass man eine langlebige Karriere als Musiker haben kann, selbst wenn man sein Geld oft mit etwas gänzlich anderem verdient und in keine Schublade hinein passt.
Mit welcher Detailfreude Mark Aspekte des wenig beleuchteten Sanitäter*innen-Berufs schildert, zum Beispiel die Stimmung zwischen den Kolleg*innen in einer Wache oder die Absurdität mancher Einsätze, macht Spaß zuzuhören und fasziniert. Die Texte erweisen sich als humorvoll.
Das betrifft an einer Stelle auch die Frage, wieso es genau auf diesen Job und nicht eine saubere, routinierte Büro-Tätigkeit hinaus lief: „Zu viele jammern / vergammeln im Home-Office in ihren Kammern / kann man sich an die Vergangenheit klammern?“, fragt der Offbeat-Barde.
Sein neuer Hauptberuf, der in den Lockdowns für seine Systemrelevanz geschätzt wurde, hat natürlich unmittelbar mit den Grenzen unseres Gesundheitssystems zu tun. In „Tatütata“ kommt Mellow Mark auch darauf zu sprechen und bleibt seiner Tradition als gesellschaftskritischer Singer/Songwriter treu.
„Die Krankenhäuser, sie haben viel zu wenig Betten – also wohin mit dem Patient?“, lautet eine Schlüsselfrage. Im Wechsel von der Ampel- zur GroKo-Regierung ging eine der letzten Amtshandlungen des ehemaligen Gesundheitsministers Lauterbach in der Öffentlichkeit fast unter: Kleine Kliniken schließen aufgrund seiner letzten Reform vermehrt und lassen ein poröses Versorgungsnetz mit (zu) langen Anfahrtswegen im Notfall entstehen.
Für 2025 geht das Bündnis Klinikrettung von einer Schließungswelle aus, die so viele Häuser umfasst wie in den fünf Jahren davor in Summe und die Anzahl der deutschen Krankenhäuser um fünf Prozent minimieren würde. Mellow Mark nimmt in seinem Song dazu kein Blatt vor den Mund und resümiert bei aller Freude am Beruf: „Das System kollabiert.“
