Wer auf Symphonic Viking Power-Metal steht und sich auch noch für Geschichte interessiert, ist bei Sabaton definitiv an der richtigen Adresse. Die Schweden verwandelten gestern eine ausverkaufte Münchner Olympiahalle mit Bierkrügen, historischen Feldherren und reichlich Pyrotechnik in eine gigantische Showarena mit Rockoper-Atmosphäre.
Bereits The Legendary Orchestra, extra für die Legendary Tour gegründet und bestehend aus Mia Asano, Patty Gurdy und Noa Gruman, einem Streicher- und einem Bläser-Ensemble sowie als Mönche verkleideten Background-Sänger*innen, stimmte das Publikum – eine knappe Stunde lang – mit sinfonischen, mittelalterlichen Versionen von im Wesentlichen Sabaton-Songs auf das Kommende ein.
Dann begann der Hauptakt theatralisch: Napoleon Bonaparte, Julius Cäsar und Dschingis Khan – dargestellt von Schauspieler*innen – lieferten sich auf einem zentral platzierten Podest einen zwanzigminütigen Disput darüber, wer der größte Herrscher der Geschichte gewesen sei. Das Ende? Ein Meuchelmord an Cäsar durch seine beiden Konkurrenten. Geschichtsunterricht war selten so dramatisch inszeniert.
„Bavaria has the best fucking beer in the world“, verkündete Sänger Joakim Brodén später ins Mikrofon, während aus dem Publikum gebetsmühlenartig „Noch ein Bier!“ erschallte – der inoffizielle Slogan des Abends.
München sollte lauter sein als Zürich zwei Abende vorher, forderte das Schlagzeug Hannes Van Dahl zwischen zwei hastigen Bieren. Die Stadt lieferte.
Brodén selbst leerte demonstrativ Bierbecker um Bierbecher, begleitet von rhythmischen „Ey, ey, ey“-Rufen der Menge, während er auf Deutsch bis vier zählte und bei „Higher“ das Publikum die Arme gen Himmel reckte.
Sabaton zelebrierten in knapp zwei Stunden ihre Musikgeschichte, und vor allem ihr neues Album „Legendary“, als multimediales Gesamtkunstwerk: Bei „Christmas Truce“ verwandelte sich die Halle nach Bandaufforderung in ein Lichtermeer aus Handydisplays, während „Attack Of The Dead Men“ Frontmann Brodén mit Gasmaske und Rauchkanone durch die Menge laufen ließ – grüner Qualm überall, als hätte sich der Erste Weltkrieg höchstpersönlich manifestiert.
Die friedlichen Moshpits zu „Soldier Of Heaven“ – verstärkt durch winterlich-blaues Licht und die Stimme von Sängerin Noa Gruman des Legendary Orchestra – wichen der kollektiven Ekstase bei „Primo Victoria“, zu der die gesamte Halle im Takt der Flammenwerfer klatschte.
Technische Pannen wurden mit Humor gemeistert: Als Bassist Pär Sundström einen von Schlagzeuger Van Dahl zugeworfenen Drumstick nicht fing, schaute er kurz verlegen umher – das Publikum lachte mit.
Mehrere Kostümwechsel, Konfetti-Regen, eine über 50 Meter lange – von der Hallendecke heruntergelassene – Brücke zwischen Bühne und Mittelpodest sowie fest installierte, unzählige Flammenwerfer strukturierten den Abend, der zwischen historischer Bildung („Let’s go to 2008, Hannes didn’t even have a mustache yet“) und reiner Partylaune abwechselte.
„I’ll be naked before this night is over“, erwiderte Brodén scherzhaft eine weitere Aufforderung des Publikums nach noch einem Bier. „To Hell And Back“ geriet zu einem weiteren Highlight – der gesamte Innenraum reckte die Faust mit einem lauten „Ey“ in die Luft, bevor der charakteristische Sirenenton des Songs die Halle in Raserei versetzte.
„Masters Of The World“, den Sänger Joakim Brodén mit „If I calculated correctly, it’s exactly 25 years old” ankündigte, beendete dann das Set. Es folgten zehn Minuten entspannte Abschiedszeremonie, mehrere Drumsticks und die bandeigene, schwarze Frisbeescheibe landeten im Publikum.
Am Ende verbeugten sich alle – Band, Vorgruppe und die Kriegsherren-Akteure – vor einem Publikum, das insgesamt fast vier Stunden lang Geschichte gelernt, getanzt und getrunken hatte – und vor der 200 Leute umfassenden Crew, die bei Bühnenbild, Technik und Feuerwerk ganze Arbeit geleistet hatte und auf den Screens namentlich gewürdigt wurde wie in einem Filmabspann.
Als die über 12.000 Besucher*innen schließlich in die winterliche Münchner Nacht traten, trugen sie nicht nur die Erinnerung an ein bombastisches Konzert mit sich, sondern auch erwärmte Herzen.













