„Dreamer+“ von Sassy 009 ist ein Album, das sich anfühlt wie ein Fiebertaum. Verführerisch, verstört, schwer ganz zu greifen. Die Stücke wirken wie Kapitel einer düsteren Pop-Novelle, in der Nähe und Distanz ständig ineinander kippen.
Sunniva Lindgård, die sich hinter ihrem Projekt Sassy 009 verbirgt, inszeniert sich auf ihrem Debütalbum als Figur, die zugleich Erzählerin, Protagonistin und unzuverlässiges Echo ihrer eigenen Gefühle ist.
Klanglich vermischt „Dreamer+“ mehrere Welten. Verzerrte Gitarren, schemenhafte Shoegaze-Schleier und hyperpopartige Glitches. Alles bleibt in Bewegung, nichts setzt sich. Die Sounds reiben sich aneinander, bis sie eine eigenartige, synthetische Wärme erzeugen, die trotzdem von einer latenten Bedrohung durchzogen ist.
Die Songs der Norwegerin gleiten fast nahtlos ineinander. Übergänge wirken wie Szenenwechsel statt wie neue Tracks. Das erzeugt eine starke Sogwirkung und verlangt Aufmerksamkeit. Skippen zerstört hier tatsächlich Dramaturgie. Das Album legt mehr Wert auf Atmosphäre als auf Hooks, aber wenn ein Motiv hängen bleibt, dann sitzt es umso tiefer.
Die Stimme von Lindgård ist oft verfremdet und verzerrt, manchmal fast entmenschlicht. Als würde jemand nur halb aus dem Traum aufwachen, sprechen und dann wieder versinken.
Die Texte geben Bilder, keine klaren Botschaften. Wer lineare Storys braucht, wird frustriert sein. Wer gern zwischen Zeilen liest, findet viel. Emotionen sind spürbar, aber selten eindeutig benannt. Sehnsucht, Verlust und Schuld; alles erscheint in Andeutungen.
Die Stärke dieses ersten Albums nach dem Mixtape „Heart Ego“ von 20219 liegt in dieser Unschärfe. „Dreamer+“ behauptet kein fertiges Selbst, sondern zeigt Identität als etwas Brüchiges. Figuren, Rollen und Masken verbinden sich und fallen wieder auseinander.
Das ist konzeptuell reizvoll und musikalisch konsequent umgesetzt. Gleichzeitig wirkt das Album der Osloerin streckenweise sehr dicht, fast überfrachtet. Einige Passagen hätten mehr Raum zum Atmen vertragen.
Trotzdem bleibt „Dreamer+“ ein beeindruckendes Debüt im Langformat. Es ist kein beiläufiger Hintergrund-Sound, sondern ein Werk, das aktiv gehört werden sollte. Wer bereit ist, sich auf eine dunkle, synthetische Märchenwelt einzulassen, findet hier ein intensives, eigensinniges Werk, das noch nachhallt, wenn der letzte Track längst verklungen ist.
