Hörgenuss wird bei Xiu Xiu generell klein geschrieben, denn die Limits der Hörerschaft sind Jamie Stewart, Angela Seo und ihren vielzähligen Mitstreitern sowieso egal. Viel interessanter sind doch die Grenzen ihrer eigenen chaotischen Schöpfungskraft.
Für ihr offiziell 15. Studioalbum – je nachdem wie man zählt, könnte es mittlerweile aber auch das 18. sein – fahren sie diese jedoch eine Nummer zurück. Stattdessen bündeln Xiu Xiu auf „Xiu Mutha Fuckin‘ Xiu: Vol. 1“ knapp 70 Jahre Pop-Geschichte in 12 Coversongs.
„Wir gehen die Songs nie mit dem Gedanken an, sie zu verbessern, sondern eher mit der Frage: ‚Was können wir von ihnen lernen?’“, kommentiert Sänger und Bandkopf Jamie Stewart das, was einige Puristen sicherlich als Verhunzung bezeichnen würden.
Ein guter Teil der Titelliste wurde so gut neu interpretiert, dass die Songs bei Unkenntnis auch als vollwertige Xiu-Xiu-Kreationen durchgehen könnten.
Insbesondere der ohnehin verschrobene Teil des Ausgangsmaterials erhält nochmal ein Upgrade auf Irrwitz: „Hamburger Lady“ etwa (im Original von Throbbing Gristle und auch schon bizarr) schaukelt sich zu einem ausgewachsenen Horror-Hörspiel auf.
Für „I Put A Spell On You“ (im Original von Screamin’ Jay Hawkins) werden Saxophon-Soli so weit verdichtet, bis der Song klingt wie eine auf einem Drogencocktail eingespielte Version des Ocean’s-Eleven-Soundtracks.
Über Genregrenzen setzen sich Xiu Xiu stur hinweg: Mit ihren destruktiven Synthesizer-Einstellungen bleibt am Ende eh nicht mehr viel davon übrig. Dass sie an der Textebene nichts verändern, sorgt jedoch gelegentlich für unterhaltsame Zeilen, gelegentlich führt es aber auch zu Irritation:
Stewart haucht in „Lick Or Sum“ (Original von GloRilla) vulgärsten Pussy-Rap, bevor er auf „Some Things Last A Long Time“ von Outsider-Ikone Daniel Johnston hörbar gegen die Tränen kämpft.
Durch den Demontageakt am im Original meist brillanten Songwriting haben Xiu Xiu eines ihrer zugänglichsten Alben geschaffen. Und trotzdem hat es alle Qualitäten ihrer besten Werke: Was für ein Durcheinander! Was für ein Krach! Was für ein Feingefühl!
