Das Album „Everything“ von Black Sea Dahu beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern nähert sich mit leisen Schritten. Man merkt erst nach ein paar Minuten, dass es längst auf dem Sofa sitzt und die Fernbedienung übernommen hat. Diese Musik fragt nicht um Erlaubnis, sie bleibt einfach.

„Everything“ wirkt wie ein Raum mit hohen Decken und leicht beschlagenen Fenstern. Der Klang ist weit, aber nie leer, und er trägt eine Schwere, die nicht erdrückt. Statt großer Gesten gibt es kontrollierte Intensität und eine Geduld, die fast trotzig wirkt.

Die Stimme von Janine Cathrein steht im Zentrum und behauptet sich ohne Kraftmeierei. Sie zittert, sie trägt, sie bleibt, und sie tut das mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Pathos lauert zwar hinter der nächsten Kurve, doch es wird höflich draußen stehen gelassen.

Thematisch fühlt sich das dritte Album der Schweizer wie ein langer Blick in den Spiegel an. Es geht um Nähe, Distanz und die seltsame Art, wie beides gleichzeitig existieren kann. Dabei wirkt nichts wie Tagebuch auf offener Bühne, eher wie ein sorgfältig gefalteter Brief.

Was beeindruckt, ist die Konsequenz im Tempo und in der Stimmung. Die Musik hetzt nie, sie schlendert, und genau darin liegt ihre Stärke. Wer nebenbei Staub saugen will, wird das plötzlich sehr langsam tun.

Trotz aller Melancholie über den Verlust eines Elternteils kippt „Everything“ nicht in Selbstmitleid. Es gibt eine stille Widerständigkeit, die sich durch die Stücke zieht. Man fühlt sich verstanden, aber nicht bemitleidet, was deutlich angenehmer ist.

Manchmal hat man das Gefühl, die Musik atmet schwer, aber bewusst. Dann wieder wirkt sie federleicht, obwohl sie eigentlich von Gewicht handelt. Dieses Wechselspiel hält wach, auch wenn alles ruhig bleibt.

Am Ende bleibt kein lautes Echo, sondern ein Nachhall im Brustkorb. „Everything“ verabschiedet sich nicht dramatisch, es nickt nur kurz und geht. Und plötzlich sitzt man allein auf dem Sofa und vermisst genau dieses Gefühl, das man vorhin noch kaum bemerkt hat.

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