Die Deftones sind eine Instanz des Alternative-Metal. Ein gewaltiger Fels in der Brandung, an dem die Wellen rauschend brechen. Diese Analogie kommt einem früh in den Sinn in, wenn man Chino Moreno & Co. in ihrer aktuellen, derart bestechenden Form, wie in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle sieht. Sie wirkt spätestens bei „Sextape“ dann auch nicht länger weit hergeholt, zeichnen die Visusals auf den großen LED-Wänden doch genau dieses Bild der rauen See.

Da sind die Kalifornier schon einige Meter gegangen. Vor allem ihr Frontmann hat bis zu diesem Song mutmaßlich mehrere Kilometer abgerissen, wie er so von einem Bühnenende zum anderen hechtet, sich auf den Monitorboxen aufbaut und genauso schnell mit getakteten Sprung wieder dahinter verschwindet.

Er ist körperlich in Form, was immer auch ein Gradmesser für die Live-Qualitäten seiner Band war. In Sieben-Achtel-Hose, die er offensichtlich selbst zurechtgeschnitten hat und seinem Trademark, den weißen Tennissocken, kommt er stimmlich mit den Extremsituationen, die er sich selbst geschaffen hat, 2026 problemlos zu Recht.

Ob im Opener „Be Quiet and Drive (Far Away)“ oder dem überbordenden „Diamond Eyes“ – zwischen den ätherischen Passagen und den Schreianfällen kippt ihm nichts weg.

Seine Mitstreiter, allen voran der unumstößliche Abe Cunnigham an den Drums lassen sich vom Level ihres Frontmanns anspornen. Frank Delgado an den Turntables sowie der Live- und Sessionbassist Fred Sablan, der ein bisschen so aussieht wie das den Edding-Strichen entsprungene, nun fleischgewordene Maskottchen Milo von The Descendents, geben ebenfalls eine hervorragende Figur.

Die große Show indes gehört zweifellos Moreno, wie er sich in „Digital Bath“, mit seiner Stimme in wahnwitzige Höhen steuert, und dann nach Licht im Publikum verlangt, um die ausverkaufte Schleyer-Halle von oben zu sehen. „Amazing!“ stellt er fest. Mit Ausrufezeichen!

Da muss man sich dann einmal kurz klar machen: Diese Band liefert seit Jahrzehnten wechselhafte Liveauftritte, aber konstant hohe Album-Qualität, und scheint jetzt in ihren 50ern auf dem vorläufigen Zenit angekommen.

Nie haben die Deftones größere Hallen gespielt, was auch daran liegt, dass sie mittlerweile ein Publikum erreichen, das zur Veröffentlichung ihres Opus Magnums „White Pony“ (2000) noch gar nicht geboren war. Das mischt sich mit Fans der ersten Stunde und bildet eine äußerst diverse Zuschauerschaft.

Alle Altersschichten, alle Garderoben, Handyfilmer und Crowdsurfer und – für Metalkonzerte höchst untypisch – nahezu Geschlechterparität. Die Deftones haben das Vielfache der Frauenquote von Merz‘ Bundeskabinett. Bei den neueren Songs, wie etwa „Rosmary“, genießen sie in Sachen Zuspruch gefühlt noch einen höheren Frauenanteil.

Das aktuelle Album „Private Music“ steht mit sieben Songs klar im Fokus. Die Qualität der Platte gibt das auch her, wenngleich dadurch alte Klassiker, allen voran „Minerva“ oder „Passenger“ hinten runter fallen. Als Ausgleich dienen „A Hole In The Earth“ oder das die Zugaben einleitende, epische „Cherry Waves“ von ihrer chronisch unterschätzten Platte „Saturday Night Wrist“ (2006).

Ja, das war groß und wird noch immer größer, was nur scheinbar einer Anomalie gleicht. Schließlich sind die Deftones in ihrem Sound unverwechselbar und holen ihre Fans doch aus den unterschiedlichsten Räumen ab. Nicht so mathematisch wie Tool, nie so breitbeinig wie Limp Bizkit. Sondern ätherisch, bretthart, eigen.

30 Jahre Bandgeschichte und nichts klingt wie die Deftones. Oder wie Moreno gestern sagte: „This is our last night in Germany. It has never been better!“

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