Antoine Bernard, Martin Chourrout und Sänger Simon Beaudoux sind der feste Kern von Exsonvaldes aus Paris. Seit sich die melancholische Indie-Rock-Gruppe im Jahr 2000 formierte, hat sie sich mit wechselnden Bassisten als jeweils viertem Mitglied umgeben.

Exsonvaldes veröffentlichten mit großen Abständen wenige Alben, bisher fünf an der Zahl. Nachdem sie einige französische Kleinst-Labels durch probierten, Noise Digger, Volvox und Finalistes, und phasenweise unter der eigenen Marke Interference firmierten, wurde das renommierte holländische Haus V2 auf den post-punk-gefärbten Song „Rockets“ und somit auf die Band aufmerksam.

Das Lied findet sich nun auf ihrem neuem Album „Ninety Seconds To Midnight“. Trug Simon beim letzten Mal seine Texte weitgehend auf Französisch vor und setzt er aktuell auf vier französische Tunes, waren frühere Alben auf Englisch. Das neue mischt nun beide Sprachen.

Mit „En Sentido Contrario“ findet sich auch ein halb-spanisch gesungenes Stück in der Sammlung. Denn die Combo lud eine langjährige Freundin ein, die die Musiker selten trifft, Helena Miquel. Schon früher hatte sie sich am Mikrofon mit eingeschaltet, jetzt übernimmt die Autorin und Schauspielerin gar den Refrain.

Der Song handelt davon, wie es sich anfühle, als einzige Person in einem Raum in eine entgegen gesetzte Richtung zu gehen. Man kann sich die mulmige Gefühlslage des Songs wie das Fahren als Geisterfahrer auf der Autobahn vorstellen – und den Moment, in dem man merkt, dass man falsch liegt.

Antizyklisch musizierten Exsonvaldes von Anfang an. Als sie zur Milleniums-Wende aufbrachen, legten die meisten anderen die 1990er sukzessive ad acta und lösten sich von vielem, was für sie typisch war, also Grunge, Shoegaze, Britpop. Bis heute ergab sich kein Neunziger-Revival – gleichwohl die Achtziger schon in drei Wellen prägnant zurück kehrten, mit Dauerpräsenz in Samples, Coverversionen und Stilzitaten.

Wenn die Eighties in „Ninety Seconds To Midnight“ enthalten sind, dann in Bezug auf Post-Punk und New Wave. Jedoch lässt sich das meist nicht so recht lupenrein identifizieren. Niedlich ist es, wie in „Tired Of Everything“, Grunge und Elektro-Pop fusionieren. The Killers, Coldplay und die Cold War Kids lassen an manchen Stellen grüßen.

Der Wende von den Achtzigern zu den Neunzigern und den Dissonanzen in der Musik jener Jahre verpflichtete sich die Band von ihrer Gründung an. Das hängt mit einem einschneidenden Ereignis zusammen: Als 1989 der Öltanker Exxon Valdez havarierte und das Ökosystem vor Cordova (Alaska) mit seinen Heringen, Kormoranen und Möwen nachhaltig zerstörte, war das ein riesiges Thema, das ökologische Bewusstsein groß. Das 300 Meter-Ungetüm spuckte nachträglich den Bandnamen aus.

Der ökologische Blick gab nicht nur für die Namensfindung den Ausschlag, sondern macht sich immer wieder bemerkbar. „Rockets“ deutet neben der Bedrohung der Menschheit und der Erde durch Waffen auch einen drohenden Klimakollaps an. „Abandoned Water Park“ entdeckt musikalisch McCartney für sich und erkundet weitere Auswüchse von Öko-Absurdität.

Der Gitarren-Rock der kleinen Crew schrammt manchmal dissonant und stets seitens Keyboards unterstützt. Wer bei den Parisern genau was spielt, verteilt sich derweil unterschiedlich. Es sind Multiinstrumentalisten am Werke.

Immer wieder ziehen die Hauptstädter andere Namen von Metropolen heran, wie sie das auf früheren Alben, beispielsweise für Turin, taten. Dieses Mal sind „Malaga“ im gleichnamigen frankophonen Stück, Amsterdam in „Tate (Like The Museum)“ und die Strecke „Paris – Bruxelles“ Themen auf „Ninety Seconds To Midnight“.

Oft geht es den Musikern nicht um Standorte in statischer Anschauung. Vielmehr beschreiben sie die Bewegung zwischen ihnen, also das Reisen, das Benutzen von Fortbewegungsmitteln. In der Lyrik von Exsonvaldes haben sie eine lange Tradition.

„Paris – Bruxelles“ handelt von einer Fernbeziehung und den Gefühlen und Stimmungen, die damit einher gehen. Brüssel (Bruxelles) mag im Allgemeinen, so findet die Band, bunt, kulturell heterogen und auf- und anregend wirken. Im Lockdown jedoch war es quasi unter einer grauen Glocke versunken. Jedenfalls habe es sich so angefühlt, schildert das Stück.

Wenn man in Brüssel arbeitet und die Geliebte in Paris wohnt, dann gibt es zwar eine gute Verkehrsverbindung. Doch trotzdem trat während der Ausgangssperren 2020/21 eine unüberbrückbare Distanz ein. Räumliche Trennung war dann etwas anderes, als freiwillig an einem anderen Ort zu sein, sondern brachte unstillbares Verlangen mit sich. Dagegen konnten Facetime, Zoom oder Teams nicht wirklich helfen.

Musikalisch hört sich Simon Beaudoux hier wie ein naiver Student auf Weltreise an, der guckt, wohin es ihn führt, und wie ein Ahnungsloser durch den Song stapft. Der wippende Rhythmus und die analoge Sound-Verkleidung legen John Lennon als Parallele nahe. Tatsächlich nennt die Gruppe hingegen Spoon als Bezugspunkt.

Der treibende und zappelige Track „Tate (Like The Museum)“ spielt auf die holländische Kunstgalerie Tate Museum an. Der aufheulende Alternative Rock an dieser Stelle mit dem Gefühl, alle gegen sich zu haben, positioniert sich konträr zur Tasten-Ballade „Est-Ce Qu’On Parle Avec Moi?“.

Bei „Malaga“, einem ebenfalls wehmütigen und wunderschön romantisch klingenden Track, stand kein solch konkretes Szenario Pate. „Manchmal sind Lieder der einzige Ort, an dem man wirklich sagen kann, was man meint“, erinnern sich Exsonvaldes ans Gefühl beim Schreiben.

Sie begannen das Lied vor Jahren, erhoben die spanische Stadt Málaga zum Sehnsuchtsort und zur Projektionsfläche des Songs und stellten nun erst, als finalen Schritt in der Arbeit am Album, die letzte Strophe fertig.

Neben einzelnen Punkten auf der Landkarte – ein früheres Album hieß sogar „Maps“ – beschäftigen sich Exsonvaldes seit jeher mit dem Planeten als ganzem.

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